23. MARTINU FESTTAGE BASEL

Marionetten und eine Feldmesse
Von Walter Labhart, sfd

Einmal mehr kann der künstlerische Leiter der Martinů Festtage Basel, der Pianist, Dirigent und Filmregisseur Robert Kolinsky, die fünfteilige Veranstaltungsreihe mit Rosinen aus dem Oeuvre des tschechischen Musikers garnieren.

Der vom Dvorák-Meisterschüler Josef Suk in Prag unterrichtete Komponist Bohuslav Martinů (1890-1959) verbrachte die meiste Zeit seines Lebens ausserhalb der Heimat.

Nachdem er während des Zweiten Weltkrieges von Frankreich aus in die USA emigriert war, hielt er sich in den letzten Jahren als Gast des Dirigenten und Mäzens Paul Sacher in Raum Basel auf. Er starb in Liestal BL und hinterliess ein rund 400 Werke umfassendes Lebenswerk von hauptsächlich neoklassizistischer Prägung.

Die Festtage - sie dauern vom 28. Oktober bis 12. November - beginnen im Museum Tinguely mit einem Familienkonzert unter dem Motto "Die fremde Marionette". Bestritten wird es von der "taschenphilharmonie". Sie gilt als kleinstes Sinfonieorchester der Welt und steht unter der Leitung von Peter Stangel, der auch als Erzähler mitwirkt.

Kammermusik

Magali Mosnier, Christian Poltéra und Robert Kolinsky kombinieren das 1944 im amerikanischen Exil entstandene Trio für Flöte, Violoncello und Klavier mit Kompositionen in derselben Besetzung von Carl Czerny und Nikolaj Kapustin.

Im Jazzkonzert spielen Gabriele Mirabassi (Klarinette), Enrico Zanisi (Klavier) und Simone Zanchini (Akkordeon) im Jazz Club The Bird‘s Eye Musik von Martinů und Mirabassi.

Der von Claude Chabrol bewunderte Film "Bohuslav Martinů", den Edmond Lévy 1988 unter Mitwirkung von François Chaplin und Paul Sacher drehte, ist im Stadtkasino Basel zu sehen.

Die Feldmesse

In Martinůs Chormusik nimmt die 1939 in Paris komponierte "Feldmesse" schon der Besetzung wegen eine Sonderstellung ein. Weil das für einen Männerchor und die Militärkapelle eines tschechischen Freiwilligenkorps geschriebene Werk für Aufführungen im Freien gedacht war, kamen nur wenige Instrumente in Frage.

Martinů entschied sich für ein kleines Ensemble mit Flöten, Klarinetten, Trompeten und Posaunen, unterstützt von Klavier und Harmonium. Um dramatische Effekte und eine möglichst grosse Klangfarbigkeit zu erzeugen, setzte der Komponist das Schlagzeug sehr differenziert ein. Zu Pauken, Becken und verschiedenen Trommeln treten Triangel, Glocken und Messeglöckchen hinzu.

Der teilweise auf Bibelstellen basierende Text stammt vom Schriftsteller Jirí Mucha, dem Sohn des berühmten Malers und Plakatkünstlers Alfons Mucha.

Vor diesem selten aufgeführten Meisterwerk erklingen im abschliessenden Chorkonzert in der Elisabethenkirche eine Blechbläserfanfare und ein Chorstück von Albert Roussel, Martinůs privatem Kompositionslehrer in Paris. Auf dem Programm stehen ferner Rilke-Vertonungen von Paul Hindemith und weitere Vokalwerke von Martinů.

www.martinu.ch
(23.10.2017 © sda/sfd)



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