ALFRED BODENHEIMER: "IHR SOLLT DEN FREMDEN LIEBEN"

Rabbi Klein und der schwule jüdische Modeschöpfer
Von Irene Widmer, sfd

In seinem vierten Fall bekommt es Rabbi Klein mit einem toten TV-Liebling, einem schwulen jüdischen Modeschöpfer und einem pädophilen Priester zu tun. Und natürlich war der Mörder der, von dem man es am wenigstens erwartet hätte.

"Ihr sollt den Fremden lieben" beginnt gleich mit einem Tritt ins Fettnäpfchen: Rabbi Klein wird vom Vorstand der Cultusgemeinde zwecks Imagepflege in ein TV-Quiz geschickt und behauptet dort, Roland Collombin sei der komplettere Skifahrer gewesen als Bernhard Russi - und das in Anwesenheit von Russi, der in Sapporo 1972 Abfahrtsgold holte vor Collombin.

Doch es kommt schlimmer - viel schlimmer: Wenige Stunden später stirbt der Quiz-Moderator Kim Nufener in Kleins Armen. Ein ehemaliges Mitglied von Kleins Gemeinde, der von seiner Familie verstossene schwule Modeschöpfer Lejser Morgenroth, gesteht dem Rabbi, dass er zur Tatzeit am Tatort war und als Ex-Geliebter von Nufener ein Motiv hätte.

Gemeinsam beginnen der Tatverdächtige und der Rabbiner zu ermitteln. War der pädophile Priester, den Nufener zu überführen versuchte, der Mörder? Oder ein Konkurrent, der sich um dieselbe Sendung wie Nufener bewarb? Hatte der Moderator womöglich eine Affäre mit der schönen Livia begonnen und den Zorn ihres Gatten auf sich gezogen?

Als hätte Rabbi Klein nicht schon genug zu tun: Unter anderem soll er antiislamistische Aggressionen in seinem jüdischen Bekanntenkreis entschärfen, Lejsers Eltern dazu bewegen, den verlorenen Sohn wieder aufzunehmen - und vor allem die halachischen Anfragen seiner Schäfchen beantworten: Muss man die Pfanne wegwerfen, wenn versehentlich Milch in den Gulasch geschüttet wurde? Und darf man zwei Lotus-Sorten kreuzen? So abstrus die Frage mit den Seerosen wirkt, sie bringt den Rabbi auf die Lösung...

"Ihr sollt den Fremden lieben" des Basler Professors für Jüdische Literatur- und Religionsgeschichte Alfred Bodenheimer ist ein klassischer Krimi voller falscher Fährten und einem überraschenden Ende.

Unterfüttert ist er mit allerhand Wissenswertem zur jüdischen Lebensweise. Er macht sogar neugierig auf das Alte Testament: So krasse Geschichten wie die von Dina, die in "Ihr sollt den Fremden lieben" eine wichtige Rolle spielt, werden im Schulfach Biblische Geschichte für gewöhnlich verschwiegen.

Alfred Bodenheimer: "Ihr sollt den Fremden lieben", Nagel & Kimche Verlag 2017, 190 Seiten, Gebunden Fr. 28.90, eBook 23.50 (UVP)
(31.7.2017 © sda/sfd)



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