LEWINSKYS ERSTER KRIMI "DER WILLE DES VOLKES"

Die Schweiz als totalitärer Überwachungsstaat
Von Irene Widmer, sfd

Nachdem er fast alle literarischen Gattungen durch hat, veröffentlicht Charles Lewinsky nun einen dystopischen Krimi: In "Der Wille des Volkes" ist die Schweiz ein totalitärer Überwachungsstaat und der Staatsfeind Nr. 1 ein abgehalfterter Reporter.

"Ein alter Sack war er geworden, ein altmodischer alter Sack, (...) er war retro, so wie das Wort 'retro' auch schon selber retro geworden war": Kurt Weilemann, einst ein leidlich erfolgreicher Recherchierjournalist, schreibt allenfalls noch Nachrufe. Und er ist so einsam, dass er manchmal den Telefonhörer abnimmt, nur um zu prüfen, ob der Apparat noch funktioniert.

Da bittet ihn sein alter Kollege Derendinger um ein Treffen. Der Mann ist zutiefst verängstigt und spricht in Rätseln. Und kurz danach stürzt er sich in den Tod. Er sich oder jemand ihn? Weilemann jedenfalls riecht Blut.

Derendingers Behausung wirkt seltsam aufgeräumt, als hätte jemand alles Interessante entfernt. Einzig ein mysteriöses Foto verweist auf eine Zeit, als die mittlerweile alleinherrschenden Eidgenössischen Demokraten dank eines Mordes an die Macht kamen.

Nicht ganz so cool wie Will Smith

Eine angebliche Liebesdienerin hilft Weilemann bei seinen Recherchen. Es geht unter anderem um ein Buch, das es eigentlich nicht geben dürfte. Der Mann, der den Schundroman für Weilemann auftreibt, wird zufällig von einem Regal erschlagen.

Weilemann ist folglich auch selber in Gefahr. Er muss sich einiges einfallen lassen, um unter dem dichten Überwachungsnetz des Staates unerkannt durchzuschlüpfen. Und weil die Schweiz nicht Hollywood ist, ist Weilemanns Flucht auch nicht so cool wie die von Will Smith in "Enemy of the State": Unter anderem muss der alte Journi auf einem Seniorenausflug mit einem "Trudeli" anbandeln, wo ihn doch die Liebesdienerin Eliza viel mehr gelüstet täte.

Der personifizierte Volkswille


Natürlich findet er die Lösung, aber sie bleibt folgenlos - im Einparteienstaat will sie keiner hören. Der personifizierte Wille des Volkes - der Parteiführer heisst Wille - ist so etwas wie eine Gottheit. Der Höhepunkt des Parteitages im Hallenstadion heisst "Hochamt" wie die heilige Messe. Und die Todesstrafe steht unmittelbar vor der Wiedereinführung.

Das ist so abziehbildhaft pessimistisch, dass es nicht wirklich beisst. Etwas subtiler dargestellt, gäbe die Bedrohung durch die populistische Rechte mehr zu denken. Aber das war wohl auch nicht Lewinskys Ehrgeiz. "Wer Thriller schreibt, bewirbt sich nicht um Literaturpreise", heisst es an einer Stelle.

Nur ein "kleines" Buch

Freilich: Ein Thriller ist "Der Wille des Volkes" auch nicht wirklich, dafür mangelt es ihm an Tempo. Der alte Stänkerer Weilemann schweift viel zu häufig ab. Das ist manchmal durchaus erhellend - zum Beispiel, wenn er sich als Mann des Wortes Gedanken über die Bedeutung von Ausdrücken macht. Meist aber wirkt es bemühend.

Lewinsky hat seinen Krimi kürzlich in einem Interview als "kleines" Buch bezeichnet. Bei 384 Seiten hat er damit aber wohl nicht die Länge, sondern den Anspruch gemeint. Als nächstes soll wieder ein "grosses" Werk folgen, kündigt er an. Da warten wir gerne darauf.

Charles Lewinsky: "Der Wille des Volkes". Nagel & Kimche 2017, 384 Seiten, Gebunden Fr. 27.90, eBook 27.50 (UVP)
(18.8.2017 © sda/sfd)



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