CHRISTIAN HALLER: "DAS UNAUFHALTSAME FLIESSEN”

Suche nach einem Lebensentwurf
Von Beat Mazenauer, sfd

Vor Jahren wurde Christian Haller von einem Rhein-Hochwasser heimgesucht. Die Terrasse seines Hauses stürzte ein, und löste bei ihm einen Erinnerungsschub aus. In "Das unaufhaltsame Fliessen“ wird die Terrasse neu befestigt, während der Autor sich nochmals als jungen Mann vergegenwärtigt.

Die Flut, die unvermittelt das Haus am Rhein bedrohte, hat Christian Haller aufgezeigt, wie wacklig seine Existenz geworden ist. Der Schaden musste inspiziert, analysiert und schliesslich behoben werden. Dieser Prozess animierte den Autor, sich zu erinnern, wie er vor Jahrzehnten sein eigenes Leben zu befestigen versuchte.

Im zweiten Band einer geplanten Trilogie gibt sich der Ich-Erzähler einmal direkt als "Christian Haller" zu erkennen. Er ist zuhause ausgezogen und lebt in Zürich mit seiner Freundin Pippa zusammen, zumindest zeitweise. Ihre Beziehung scheint so unverbrüchlich, dass sie räumliche Trennungen aushält.

Der Erzähler sucht nach einem Lebensentwurf. Per Zufall stösst er auf das Werk von Adrien Turel, einem literarischen Aussenseiter, in dessen Nachlass er sich versenkt. Daneben erteilt er aushilfsweise Schulunterricht, bis er sich zu einem Zoologie-Studium an der Universität Basel entschliesst.

Kein Entscheid fällt ihm leicht. Die Unsicherheit des "tumben Toren", wie Pippa ihn einmal nennt, begleitet ihn und will nicht von ihm abfallen, was immer er unternimmt. Nicht selten stellt sich der junge Mann auch etwas gar naiv an. So kann er kaum erkennen, wohin es mit ihm gehen soll.

Ein tumber Tor

Während zuhause am Rhein die Terrasse neu armiert wird, erzählt Christian Haller von sich als jungem Mann, wie er nach einem Fundament für seine Existenz sucht. Die selbstsichere Pippa unterstützt ihn, indem sie ihn davor warnt, sich an immer neue Autoritäten anzulehnen. Für den Traum vom Schreiben muss er sich los- und frei machen.

"Das unaufhaltsame Fliessen" erzählt in einer ausgewogenen Balance aus Offenheit und Verschwiegenheit. Mal berichtet Christian Haller in breiter Anschaulichkeit, wie er etwa die hinterlassenen Schriften des Gedankentüftlers Turel zu ordnen und zu retten versucht.

Am renommierten Institut

Handkehrrum bleibt der eine oder andere Aspekt in dieser Lebensbeschreibung unterbelichtet. So würde man gerne Genaueres über das Zusammenleben des Erzählers mit Pippa erfahren. Doch ein Roman ist allemal kürzer als ein Leben.

Mitte Dreissig erhält der Erzähler eine Anstellung am Gottlieb Duttweiler-Institut. Er wird vom Beobachter zum Handlungsträger in einem undurchschaubaren Machtgefüge. Dem Selbstbewusstsein ist diese Arbeit förderlich. Er trifft "die richtigen Menschen", die allerdings am renommierten Institut interessiert sind, und weniger an dem Mitarbeiter, "der ich war".

Das Leben neu befestigen

Christian Haller lässt uns in der fliessenden Erzählung teilhaben an seiner eigenen Erinnerung. Seine persönliche Entwicklung spiegelt sich darin in einer sich wandelnden Handschrift. Sie lehnt sich zuerst nach hinten, kippt dann vornüber, um sich schliesslich einzumitten und zu runden.

Mit dieser Schrift strebt der junge Mann nach seiner wahren Berufung, dem literarischen Schreiben. Noch aber bleibt dies ein Traum. Die grossen Buchprojekte, die er wälzt, werden in Christian Hallers Werkliste keine Spuren hinterlassen. Doch er wird, so ist zu vermuten, ebenso dran bleiben wie Pippa mit ihrer Lust am experimentellen Theater.

Christian Haller: "Das unaufhaltsame Fliessen", Luchterhand 2017, 256 Seiten, Fr. 29.90 (UVP)
(12.9.2017 © sda/sfd)



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