"DAS KLAVIER AUF DEM SCHILLERSTEIN"

Gertrud Leutenegger demonstriert poetischen Eigensinn
Von Beat Mazenauer, sfd

"Das Klavier auf dem Schillerstein” heisst ein neuer Band mit Prosa von Gertrud Leutenegger. Er umfasst elf feuilletonistische Texte aus den Jahren 1989-2016. In ihnen demonstriert die Autorin ihren poetischen Eigensinn.

Wie gelangt ein Klavier auf den Schillerstein? Auch Gertrud Leutenegger weiss darauf keine Antwort, sie kann sich aber gut an diesen historischen Vorfall erinnern. Sie erwähnt ihn in einer Laudatio auf den Tessiner Autor Giovanni Orelli.

Mit dem absurd schönen Bild veranschaulicht sie "das subversive Verfahren", das dem Werk Orellis einbeschrieben sei. Es zeichne sich durch "ein verwegenes Konstruieren und Komponieren" aus, mit dem die Welt in ein Zwielicht des funkelnd Fantastischen getaucht wird.

Gewunden und geflochten

Die Lobrede auf den "listigen Waldgeist" Orelli wirft auch ein Licht auf Gertrud Leuteneggers eigene Vorlieben. Sie mag es, in ihren Texten überraschende Volten einzubauen und verschmitzt scheele Blicke auf scheinbar marginale Dinge zu werfen. Das Gewundene und Geflochtene durchwirkt ihre Texte bis hinein in die kunstvoll gearbeitete Satzstruktur.

Die Prosatexte, die sie in diesem Band versammelt, sind anderswo bereits einmal publiziert worden. Thematisch bilden sie demnach keine Einheit. Was sie verbindet, ist die Art und Weise, wie sich die Autorin an Lektüren und Begebenheiten erinnert und sie zu Papier bringt.

Hymne an die Poesie

Die Erfahrung eines Stromausfalls in ihrem einstigen Wohnort Cabbio, der das beschauliche Valle Muggio ins Dunkel hüllt, verbindet sich ganz natürlich mit den "Hymnen an die Nacht" und so mit der Universalpoesie des Dichters Novalis. Gertrud Leutenegger erkennt in ihr eine Idee von "hinreissender Lebendigkeit".

Unter dem Titel "Ruinen" begegnet sie den traurigen Resten des einst stolzen Furkagletschers, der heute mit Planen vor der Sonneneinstrahlung und zugleich vor den Blicken der Reisenden verhüllt wird. Wie Furcht einflössend waren diese Gletscher einst, als ein Reisender wie Rimbaud eigens dafür den Weg durchs Gebirge suchte, um danach in der Wüste zu verschwinden.

Interesse an der Freiheit

Es sind solche poetischen Imaginationen, die diesen Feuilletons ihren Glanz verleihen. Gertrud Leutenegger lässt es willig zu, dass nicht alle Verbindungen mit harten Knoten geknüpft sind.

"Man muss hysterisch an der Freiheit interessiert sein", zitiert sie einen Satz von Gerhard Meier, den er einst äusserte. Der Satz trifft ebenso auf diese versponnene, splendide kurze Prosa zu, die stets auch ein melancholisches Lüftchen spüren lässt.

Gertrud Leutenegger: "Das Klavier auf dem Schillerstein". Prosa. Nimbus Verlag, Wädenswil 2017. 80 Seiten, Fr. 22.80 (UVP).
(12.9.2017 © sda/sfd)



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