DER SCHLAGWERKER PIERRE FAVRE WIRD 80

Unentwegte Entdeckerlust
Von Frank von Niederhäusern, sfd

Pierre Favre hat das Schlagzeug zum Klanginstrument gemacht und Generationen von Trommlern inspiriert. Am 2. Juni feiert der Schweizer Perkussionist seinen 80. Geburtstag.

Jeden Tag und jede Nacht - wenn er denn zu Hause ist - steigt Pierre Favre in sein Atelier und übt und spielt und hört sich zu. Auch mit 80 tut er dies und betont in Gesprächen stets den Aspekt des Spielens. Verspieltheit ist ihm zur zentralen Conditio seines Tuns geworden im Sinne einer ungebremsten, hellhörigen Entdeckerlust.

Als er 1984 sein Langzeitprojekt "Singing Drums" lancierte, hatte Favre eine wichtige Ebene dieser Verspieltheit erreicht. Mit namhaften Drummer-Kollegen - dem Brasilianer Nana Vasconcelos, US-Jazz-Gigant Paul Motian und dem multiplen Luzerner Fredy Studer - lotete er die orchestralen Möglichkeiten der Perkussion aus. Das Ensemble durchlief verschiedene Besetzungen, der wichtigste Aspekt war sein Name.

Solist mit Nachhall

Singende Trommeln hatte es vor Favre in der Populärmusik kaum gegeben. Auf Reisen durch Afrika, Asien und Südamerika hatte er seit den 60er-Jahren nebst seinem musikalischen Denken auch sein Instrumentarium erweitert. Wobei er betont, er habe nie kopiert, sich aber inspirieren lassen für sein ureigenes Tun.

Sein Solokonzert am Berliner Jazzfest 1972 wurde diesbezüglich zum Wendepunkt von Favres Biografie und des Jazzschaffens an sich. Nie zuvor hatte ein Solodrummer ein Konzert mit derartigem Nachhall gegeben. Mit seinen ersten Soloalben "Drum Conversation", "Abanaba" und "Mountain Wind" schrieb Favre in den 70er-Jahren Musikgeschichte.

Free Jazz als Therapie

Bekannt war der Trommler aus Le Locle im Neuenburger Jura schon vorher. In den 60er-Jahren hatte er die europäische Spielart des Freejazz geprägt - mit Pianistin Irène Schweizer, dem deutschen Bassisten Peter Kowald oder dem französischen Holzbläser Michel Portal. Favre gehörte aber nie zu den ganz Wilden; sein Spiel zeichnete sich schon damals durch jene Poesie aus, die ihn einzigartig macht.

Free Jazz sei eine Therapiephase gewesen, sagt er heute, die ihm Befreiung und zugleich Hinwendung zu Bestehenden ermöglicht habe. Als ursprüngliche Inspiratoren nämlich nennt Favre Billie Holiday, John Coltrane oder Thelonious Monk; Ikonen des US-Jazz also.

Weltoffener Jurassier

Am Schlagzeug sass Pierre Favre erstmals mit 17 in der Band seines Bruders. Später fand der Autodidakt ein Auskommen in der Big Band von Max Greger. Zugleich begleitete er Grössen des US-Jazz auf Gastspielen in Paris und durch Europa. In Paris lebte Favre immer wieder. Dort knüpfte und pflegte er sein grosses Netzwerk.

Es gehört zur Kunst Favres, sich nach allen Seiten hin zu öffnen. Diese Weltoffenheit, die er auch seiner jurassischen Herkunft zuschreibt, machte ihn zu jenem unentwegt Reisenden und Übersetzenden. Damit und durch sein offenes Spiel hat Favre Generationen von Musikern inspiriert.

Nach Stationen in Paris und Zürich lebt Pierre Favre heute mit junger Familie in Uster ZH. Und arbeitet unentwegt: Als Solist und in Duos mit Irène Schweizer, Posaunist Samuel Blaser oder Gitarrist Philippe Schaufelberger. In grösseren Formationen auch wie seinem Quartett The Drummers mit jungen Kolleginnen und Kollegen.

Autodidakt Favre ist begehrter Lehrer, der sein Wissen gerne weitergibt. Nicht dozierend freilich, sondern als Mit-Spieler. Sein liebster Schüler ist bis heute er selbst. Seine "Voyage en musique" dauert an.

"Mythos Trommel", Musiktheater mit Pierre Favre, Graziella Rossi und Helmut Vogel: Mi, 31.5., 20.00 Kulturschiene Herrliberg ZH. Di, 20.6., 20.00 Theater Rigiblick Zürich. www.pierrefavre.ch
(29.5.2017 © sda/sfd)



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