"DER TAG, AN DEM ES 449 FRANZ KLAMMER REGNETE"

Fiktiver Roman von Gion Mathias Cavelty
Von Beat Mazenauer, sfd

Bei Gion Mathias Cavelty geht es ums Ganze. Nur letzte Fragen sind ihm wichtig genug. In seiner neuesten Schöpfung mit dem langen Titel "Der Tag, an dem es 449 Franz Klammer regnete" dreht sich alles um die Weltzeit, die durcheinander gerät.

Franz Klammer ist ein Idol, vielen gilt er als "Skigott". Diese Zuschreibung klingt irgendwie geläufig. Mulmig und lächerlich wird es erst, wenn sie von Gion Mathias Cavelty wörtlich genommen wird.

Am 8. Februar 1974 rast der Franz auf dem Weg zu Olympiagold dem Ziel zu. Er muss dafür die Zeit von Bernhard Russi unterbieten. Da geschieht auf einmal Spektakuläres. Auf einer Welle hebt er ab, gerät in dichten Nebel, und wie er wieder zu Boden kommt, liegt unter ihm Jesus zerquetscht und tot. Aus die Maus für das Christentum.

Turbulente Zeitreise

Darob sind im Jerusalem des Jahres 33 nicht alle erbaut. Franz Klammer muss fliehen, er findet Hilfe beim Haupt von Johannes dem Täufer, der ihm den Weg aus der Stadt weist. Gemeinsam machen sie sich auf eine turbulente Reise zurück in die Vergangenheit. Sie besuchen die Seleukiden und die Mayas, bis sie schliesslich am "wahren Nullpunkt" ankommen, hinter dem ...

Aber lassen wir das. Die Zeit gerät einfach aus den Fugen. Der theologisch versierte Gion Mathias Cavelty orchestriert diesen wilden Ritt mit ebenso viel erlesenem Wissen wie mit überschäumender Fantasie und lästerlichem Humor.

Klammer versus Russi

"Wir sind alle Franz Klammer", zieht er ein Fazit, das einzig auf Bernhard Russi nicht zutrifft. Franz der Skigott mag keine Nebenbuhler. Das gilt vermutlich auch umgekehrt, je nach Parallelwelt, in der wir leben. Dafür schaut Russi allen bösen Geistern der Welt ähnlich.

Cavelty vernudelt die mystische wie mysteriöse Kulturgeschichte surreal-ironisch zu einem Zirkus der Eitelkeiten. Die Reise zu den gnostischen, makabren, blutigen Ritualen verrät einen absurden Witz, der Leserinnen und Leser zum befreiendem Lachen reizt. In all dem Verrat, Gerücht und Gezücht steckt aber vielleicht doch ein Quäntchen Wahrheit, wer weiss?

Ein vermaledeites Datum

Sein Buch ist eine amüsante Zeitreise, turbulent und vor intellektuellem Übermut strotzend. Darob geht fast vergessen, dass Franz Klammer ja erst am 5. Februar 1976 zu Olympiagold fuhr. Und eine Welle, auf der er vor dem Ziel abheben könnte, lässt sich auf den historischen Aufnahmen auch nicht erkennen.

Alles einerlei, denn es geht hier um mehr. Das Haupt von Johannes dem Täufer will die kosmische Schöpfung am Nullpunkt auslöschen, damit nichts nie gewesen sein würde. Da kennt er aber den Franz schlecht.

Gailtaler Kasnudeln für alle

Nach der finalen Explosion erschafft der die Welt neu aus seinem Bewusstsein heraus, mit "ganz vielen Franz-Klammer-Embryos", die alle schon eine Startnummer tragen. Sie werden zum Leben erweckt, sobald er sie als Urvater mit den sieben Urmüttern gezeugt haben würde.

So ist die Welt gerettet und nach den skigöttlichen Vorstellungen neu eingerichtet: mit Schnee, hohen Bergen und Gailtaler Kasnudeln für alle - aber "gekrendelt, nicht gepfupft". Und wie um das Happyend zu versüssen, strebt Franz Klammer zuletzt doch dem Olympiagold entgegen, an jenem 8. Februar 1974.

In einer Nachbemerkung dankt Cavelty seinem Idol dafür, dass er ihm "als Primarschüler den Wunsch nach einem Autogramm ganz unbürokratisch erfüllt hat". So werden Schriftsteller geboren.

Gion Mathias Cavelty: Der Tag, an dem es 449 Franz Klammer regnete. Ein höchst fiktiver Roman. Lectorbooks, Zürich 2017. 142 Seiten, 20 Franken (UVP).
(30.10.2017 © sda/sfd)



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