"DER ZERBROCHENE KRUG" IM SCHAUSPIELHAUS ZÜRICH

Lustig und hinterlistig-tiefsinnig
Von Roland Maurer, sfd

Lustig und hinterlistig-tiefsinnig zugleich: Das ist Heinrich von Kleists Lustspiel "Der zerbrochene Krug" (UA 1808). Im Pfauen hat es nun die Hausherrin Barbara Frey neu inszeniert. Premiere war am Samstag.

Adam, Dorfrichter zu Huisum und Namensvetter einer allen bekannten biblischen Figur, fällt buchstäblich splitternackt und verwundet auf die fast dunkle Bühne. Einziger Schutz ist ein Verband am linken Fuss, der aussieht wie des Teufels Klumpfuss. Und einen Schuh bringt er mit, den wirft er panisch weg.

Gestürzt ist er aus einem turmartigen Karussell (Bühne: Muriel Gerstner), das in Zellen unterteilt ist. Doch was geschah dahinter? Was war vor Adams (Sünden-)Fall? Der scheinbar alles wissende, seriöse Gerichtsschreiber Licht versucht Licht ins Dunkel zu bringen. Doch Adam spricht wirr, er hat schlecht geträumt. War da was? Was war da?

Blankes Chaos

Ausgerechnet heute ist Gerichtstag in Huisum, und ausgerechnet heute trifft von ferne der Gerichtsrat Walter ein. Er will sich ein Bild über den Zustand der Justiz im kleinen Dorf verschaffen und trifft aufs blanke Chaos.

Der zu untersuchende Fall geht so: Ein wertvoller Krug von Frau Marthe ging in der vergangenen Nacht in die Brüche. Der Übeltäter steht für sie fest: Ruprecht, der Verlobte ihrer Tochter Eve, war es. Der hat aber eine ganz andere Sicht der Dinge.

Aufklärung ist gefragt, Adam führt die Verhandlung in unsäglich windig-wendigen, vernebelnden Pirouetten. Es lebe das Lügengebäude; und Gerichtsrat Walter erlebt gerade einen verqueren Schlamassel. Als noch die Zeugin Brigitte (witzig, schräg: der singende Graham F. Valentine) und Eve ihre Varianten einer wirren Story bringen, ist die Verwirrung komplett.

Wer hat den kaputten Krug auf dem Gewissen und alles, was sonst noch kaputt ist in diesem kleinen Kaff, welches die Welt bedeutet? Jeglicher Verhüllungsversuch der Akteure war umsonst. Am Ende drehen sie alle splitternackt in ihren Zellen auf dem Turm-Karussell in die Dunkelheit hinaus.

Heinrich von Kleists Lustspiel "Der zerbrochene Krug" ist vorerst einmal ein Text, der in seiner so ausgefeilten wie dichten sprachlichen, analytischen und dramaturgischen Komposition das Herz jedes Literaturliebhabers rasen lässt.

Sorgfältige Regie

Doch wie bringt man diesen glitzernden Edelstein so auf die Bühne, dass das Publikum auch mitgehen kann? Regisseurin Barbara Frey erarbeitet - was immer wieder ihre Stärke ist - mit den Schauspielerinnen und -spielern die feinen Fäden des Textes äusserst sorgfältig heraus. Sie treibt jeden und jede ihres Ensembles zum variationsreichen, differenzierten Spiel: Rhythmus, Mimik, Gestik - da stimmt alles.

Daraus entsteht eine Atmosphäre der permanenten, lügenbeladenen Verschwörung und Verwirrung, was durchaus einleuchtet. Und dennoch geraten einige Szenen zu sehr im Dunkeln und akustisch allzu sehr gedämpft. Das schadet leider der Nachvollziehbarkeit und Verständlichkeit des Bühnengeschehens.

Höchstes Spielniveau

Schauspielerisch wird von allen Beteiligten Theater auf höchstem Niveau geboten. Den Gipfel bietet aber schon Markus Scheumann: Das ist darstellerische Flexibilität der Extraklasse.

Was der für Blicke in die Nähe, in die Ferne und gen Himmel schleudert, wie er gestikuliert und wieder in sich zusammenfällt, wie er seinen Tonfall moduliert, und wie er spricht - mit rasendem Tempo, dann wieder langsam, leise, nebenbei, dann aggressiv und wieder verdrückt, ja, scheu: Das muss man schon gesehen haben. Dem Publikum gefiel das, es applaudierte grosszügig.
(22.10.2017 © sda/sfd)



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