"DIE BUDDENBROOKS" IM ZÜRCHER SCHAUSPIELHAUS

Am Tisch des Zerfalls
Von Bruno Rauch, sfd

Am Samstag hat das Stück "Die Buddenbrooks", in der Inszenierung von Bastian Kraft nach dem gleichnamigen Roman von Thomas Mann, im Zürcher Schauspielhaus Premiere gefeiert. Mit Betonung auf gefeiert - das Stück wurde mit frenetischem Applaus belohnt.

Ein sieben-, achtjähriger Junge liegt am Boden - schlafend, tot? Es ist Hanno, der schmale, musische, hochsensible Hanno Buddenbrook, letzter Spross der grossbürgerlichen Lübecker Handelsdynastie. Über ihn beugt sich liebevoll - ein zweiter Hanno. Dieser Hanno zitiert jene Passage über den Verlauf der Typhuserkrankung, die Thomas Mann ins vorletzte Kapitel seines epochalen Familienromans einmontiert hat, als neutrale Distanzierung vom Geschehen, wie er das oft tut.

Der Vorhang senkt sich. Es herrscht betroffene Stille. Dann brandet ein Applaus auf, wie man ihn im Schauspielhaus nicht oft hört. Er gilt dem genialen Romanerstling des damals, 1901, erst 25-Jährigen. Er gilt einem ausnahmslos exzellenten Ensemble. Und er gilt der kongenialen Bühnenfassung und der packenden Inszenierung von Bastian Kraft, die mühelos über drei Stunden tragen.

Distanz und Empathie

Kraft schafft das schier Unmögliche. Es gelingt ihm, den über 600 Seiten starken Roman in einen schlüssigen Spannungsbogen zu fassen, der Manns Stilmittel, dessen Erzähltechnik und - trotz unumgänglicher Straffung - die Romanhandlung präzis wiedergibt und doch eine durchaus eigenständige Lesart verrät.

Kraft erfindet dazu einen Erzähler, eben jenen "anderen" Hanno. Einen jungen Mann in einem Alter, das der empfindsame "echte" Hanno nie erreichte. Claudius Körber verleiht ihm sachliche, unsentimentale und doch berührende Züge; es ist wohl kaum zu weit hergeholt, in ihm die Haltung der wohlwollenden Ironie und Distanz des Autors zu seinen Romanfiguren zu erkennen.

Er, der erwachsene Hanno, ist es auch, der immer wieder in der Familienchronik mit Fotos, Ausweisen, Amtspapieren, Zeugnissen blättert, um die Stationen des Niedergangs der Buddenbrooks zu dokumentieren und den erzählerischen Fluss in Gang zu halten. Im Fortgang werden auch die Familienmitglieder da und dort einen Eintrag machen: Tony ihre gescheiterte Ehe mit Bendix Grünlich eintragen, Klein-Hanno jenen bedeutsamen Strich unter seinen eigenen Namen setzen.

Tisch und Chronik


Sichtbar gemacht werden diese Handlungen durch eine Echtzeitprojektion über eine Videokamera, und selten hat man diese inflationäre Bühnentechnologie so sinnvoll und schlüssig eingesetzt erlebt.

Ein ebenso stimmiges Element im ansonsten völlig neutralen Bühnenraum (Peter Baur) ist ein langer weisser Tisch, der die ganze Bühnenbreite einnimmt, und ebensolche schlichte Holzstühle. Wohl kaum die buddenbrook'sche Tafel, die vermutlich aus Mahagoni war, aber ganz klar der bedeutsame Versammlungsort der Sippe. Ein Bild ihres Ansehens, ihres Wohlstands, ihres Einflusses, von dem schonungslos und im eigentlichen Wortsinn Stück um Stück abgesägt wird, bis nur noch ein paar nutzlose Fragmente übrigbleiben.

Ein erstes Mal tut dies der Diener Anton (Milian Zerzawy) der sich der 48er-Revolution anschliesst, aufmüpfige Reden führt, seine weissen Handschuhe hinschmeisst und zur Kreissäge greift. Zum Entsetzen der Konsulin! Ihr verleiht Susanne-Marie Wrage eine unnachahmliche Mischung aus Eleganz, Standesbewusstsein und Puritanismus - etwa wenn sie Tony ermahnt, sich hinzusetzen "comme il faut".

Damit sind wir bei den Schauspielern, und es fällt schwer, einzelne aus dem hochkarätigen Ensemble hervorzuheben: Edmund Telgenkämper, neu im Ensemble, der den herrischen, zunehmend verunsicherten Thomas facettenreich nachzeichnet? Henrike Johanna Jörissen als burschikose, leicht überspannte Antonie, deren Schicksal knallhart pekuniären und sozialen Überlegungen geopfert wird? Daniel Strässer, der als hypochondrischer, zappliger Christian mit seinen Ticks und Geschichten alle nervt? Lena Schwarz, deren kühle Gelassenheit die innere Glut erahnen lässt? Genug. Uneingeschränktes Lob für alle.
(1.10.2017 © sda/sfd)



Schweizer Feuilleton-Dienst (sfd)