"DREIGROSCHENOPER" AM SCHAUSPIELHAUS ZÜRICH

Brecht im Schlafwagen
Von Roland Maurer, sfd

Opernparodie, lustvolles Bashing einer kapitalistisch-bürgerlichen Gesellschaft und pralles Theater: Das ist "Die Dreigroschenoper" von Brecht/Weill. Die Produktion im Pfauen lag rundum in Frauenhand. Premiere war am Donnerstag.

Nach ihrer Uraufführung 1928 wurde "Die Dreigroschenoper" gleich ein Welterfolg und erfreut sich bis heute grosser Beliebtheit. Kaum verwunderlich, enthält doch das Stück alle Ingredienzen, die zu saftigem Theater gehören.

In einer verkehrten, kapitalistisch-heuchlerischen Welt tummeln sich Leute wie der Gangster und Womanizer Mackie Messer, der von Habenichtsen profitierende Geschäftsmann Jonathan Jeremiah Peachum sowie der mit Mackie befreundete Londoner Polizeichef Tiger Brown. Und natürlich die exzentrischen "Mädchen" Polly, Lucy, Frau Peachum und Spelunkenjenny, die Hure. Alle miteinander verfilzt, wie es sich in der guten Gesellschaft gehört.

Brechts Dynamit

Bertolt Brecht hat daraus eine Story gedrechselt, deren gesellschaftspolitisches Dynamit mit sprachlich-poetischer Raffinesse und Pointensicherheit transportiert wird. Und Kurt Weill hat dazu eine süffige, fetzige, manchmal auch melancholische Musik komponiert.

Eigentlich müsste es bei einer derartigen Ausgangslage dem Publikum heiss unter dem Hintern werden. Tut es in Zürich aber nicht. Da hat Bettina Meyer eine Rolltreppe auf die Bühne gestellt, die sich dauernd dreht und den Schauspielern ermöglicht, rauf und runter und drum herum zu gehen.

Wie in einem Shopping-Center

Das tun sie alle in derart schicken Kostümen (Heide Kastler), dass man sich in einem Edel-Shopping-Center wähnt. Und die Regisseurin Tina Lanik mag sich mit ihrer Inszenierung was auch immer gedacht haben: herausgekommen ist eine harmlose, hochästhetisch aufgemöbelte, sanft einlullende Nummernrevue ohne irgendwelchen Pfiff und Biss. Man hört von Ferne Brechts sprachlich-träfe Frechheiten und sagt sich: jaja, schon gut.

Aufgeweckt wird man glücklicherweise immer wieder von der Musik aus dem Orchestergraben. Offensichtlich haben die Musiker unter der Leitung der Kontrabassistin Polina Lakovskaja Spass an ihrem Spiel.

Ob das in dieser Inszenierung auch Schauspielrinnen und Schauspieler haben ist nicht ganz so sicher. Manche Szenen wirken flau und teilnahmslos. Gesanglich dürfte man auch von Sprechtheaterdarstellern etwas mehr erwarten, auch die teils mangelhafte Diktion ärgert immer wieder.

Dennoch gibt es auch Erfreuliches: Jirka Zett gefällt als wendiger Mackie Messer, Elisa Plüss als Polly und Miriam Maertens als Lucy liefern sich einen spassigen Zickenkrieg; hingegen entfachen Klaus Brömmelmeier als Peachum und Fritz Fenne als Polizeichef Brown kaum Enthusiasmus; und Isabelle Menke als Frau Peachum hat Mühe, schrill zu sein.

Nach drei Stunden applaudierte das Publikum recht aufgeräumt und wohl glücklich über das Ende dieser Schlafwagenfahrt durch "Die Dreigroschenoper".
(15.9.2017 © sda/sfd)



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