FRANZ HOHLER: "DAS PÄCKCHEN"

Ein verhängnisvoller Anruf
Von Beat Mazenauer, sfd

Ein Bibliothekar stösst per Zufall auf ein frühmittelalterliches Buch. Das kann nicht ohne Folgen bleiben, wie Franz Hohler in seinem neuen Roman "Das Päckchen" erzählt. Er entwickelt darin eine verführerische Geschichte voll dunkler Geheimnisse.

Manchmal geschehen Dinge, die durch nichts zu erklären sind. Als es in einer öffentlichen Telefonkabine klingelt, hebt der zufällig anwesende Ernst Stricker ab und wird von einer Frau mit seinem Vornamen angesprochen. Ist es Zufall oder ein geheimer Wink des Schicksals? Ohne weiter zu überlegen, lässt sich Stricker auf die Geschichte ein.

Verstaubte Bücher und Bibliotheken faszinieren. Regelmässig erscheinen bibliophile Thriller, in denen alte Codes ihre Macht über die Moderne beweisen. Franz Hohlers Roman erinnert an dieses Genre, doch er treibt es nicht auf die mysteriöse Spitze.

Unverhofftes Geschenk
Ernst Stricker besucht die Frau, die ihn angerufen hat, und erhält von ihr ein Codex-Buch aus dem 8. Jahrhundert ausgehändigt. Wie sich schnell zeigt, gibt es dafür offenkundig noch andere Interessenten. Als redlicher Bibliothekar will er herausfinden, was es mit dieser ausgesprochenen Rarität auf sich hat.

Vor allem das seltsame Papier, mit dem das Buch eingeschlagen ist, regt seine Phantasie an. Was spielt die Berglihütte im Aletschgebiet für eine Rolle? Ernst Stricker begibt sich auf eigene Faust auf eine nicht ungefährliche Bergtour.

Das älteste Buch
Mit jeder rätselhaften Wendung fächert Franz Hohler seine Geschichte weiter auf. Er schlägt einen Bogen zurück in die Jahre um 780, als ein Mönch namens Haimo einen Text kopierte, der unter dem Titel "Abrogans" heute als das älteste Buch in deutscher Sprache gilt.

Parallel zu Ernst Strickers Nachforschungen beschreibt der Roman die Geschichte dieses Manuskripts. Der besagte Haimo reiste mit ihm von Deutschland über St. Gallen nach Süditalien, damit es kopiert und so weiter verbreitet werde. Franz Hohler zielt dabei nicht auf historische Genauigkeit, die Geschichte könnte auch bloss der Fantasie seines Helden entsprungen sein.

Unergründliche Geheimnisse

Er erzählt vielmehr von der Wechselhaftigkeit des Lebens, die Ernst Stricker unvermittelt in eine geheimnisvolle Geschichte hineinzieht. Auch wenn sich alle Wirrungen und Missverständnisse wieder einrenken, bleibt am Ende doch das leise Unbehagen, dass längst nicht alles schlüssig zu erklären ist.

Das ist die Paraderolle des Erzählers Hohler. In seiner Zürcher Poesievorlesung sagte er vor Jahren: "Das Einfache ist nicht das Simple, sondern es ist das Komplexe, das sich nichts anmerken lässt." Es schrammt hart an den Abgründen vorbei.

Ein gewiefter Erzähler

Franz Hohler erweist sich als gewiefter Autor, der nichts verrätseln will, sondern seine Geschichte laut und offen in medias res führt. Er orientiert sich dafür am mündlichen Erzählen. Statt kunstvolle Formulierungen zu drechseln, zieht er es vor, das Rätsel mit einem naiven Staunen zu verhüllen.

Genau darin besteht seine Kunst. Franz Hohler konstruiert die mehrschichtige Erzählung ohne Firlefanz, dennoch behält sie einen undurchsichtigen Kern - beispielsweise den seltsamen Telefonanruf gleich zu Beginn.

"Hier, sagte er sich später, hier hätte er aufhängen sollen", meint Stricker zu sich selbst. Das wäre schade gewesen, es hätte die Leser und Leserinnen um eine Geschichte voller listiger Fallen gebracht.

Franz Hohler: Das Päckchen. Roman. Luchterhand Literaturverlag, München 2017. 222 Seiten, Fr. 28.90 (UVP). Der "Abrogans" ist auf der Webseite www.e-codices.ch nachzulesen.
(8.9.2017 © sda/sfd)



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