GLIÈRE-SINFONIE IN GENF, ZÜRICH UND NEUENBURG

"Ilja Murometz" basiert auf mittelalterlichem russischen Epos
Von Walter Labhart, sfd

Mit der 1911 vollendeten 3. Sinfonie op. 42 in h-Moll schuf der Russe Reinhold Morizowitsch Glière (1875-1956) noch vor Schostakowitsch ein sinfonisches Monumentalwerk für grosses Orchester: "Ilja Murometz" kommt in Genf, Zürich und Neuenburg zur Aufführung.

Die als viersätzige Programmsinfonie konzipierte Komposition basiert auf einem mittelalterlichen russischen Epos. Es handelt vom Krieger Ilja Murometz und seinen übernatürlichen Kräften.

Im Kopfsatz gibt der Komponist zuerst die Unbeweglichkeit des gelähmten Murometz mit verhaltener Musik in kriechender Bewegung wieder. Zwei Pilger heilen ihn und sagen ihm eine strahlende Zukunft als Volksheld voraus. Der Ritter Swjatogor zieht mit Murometz auf einem Pferd davon, das durch die Luft fliegen kann.

Naturlauthafte Stimmungsmusik

Murometz trifft im zweiten Satz in einem Wald auf den Räuber Nachtigall, der mit seinen Pfiffen alle Menschen in seiner Umgebung tötet. Dem Helden gelingt es, ihn zu fangen. Glière schildert die Atmosphäre im Wald mit der Imitation von vielerlei Vogelstimmen.

Zu einem Fest am Kiewer Hof, dem das Scherzo (3. Satz) gewidmet ist, wird Murometz vom Fürsten Wladimir eingeladen. Er erscheint mit dem gefangenen Räuber. Als dieser gefährlich zu pfeifen beginnt, wird er von Murometz enthauptet.

Im Finale symbolisieren Choräle das Christentum der Stadt Kiew, das Murometz erfolgreich gegen die anstürmenden Tataren verteidigt. In ihren ausserordentlich farbigen und klangsinnlichen Partien zeigt sich die Musik vor allem von Skrjabin beeinflusst.

Nationalrussische Tradition

Bekannt wurde Glière im Westen mit dem Ballett "Roter Mohn" und einem Harfenkonzert. Er knüpfte an die nationalrussische Tradition von Borodin und Rimsky-Korsakow an.

Da er Volkslieder sammelte und sich von ihnen inspirieren liess, empfing er wichtige Impulse von der Volksmusik aus Mittelasien und Transkaukasien. Seine vorwiegend lyrische Tonsprache zeichnet sich durch hohe Kantabilität aus.

Der in Kiew geborene Musiker wurde am Konservatorium in Moskau von Arensky und Tanejew ausgebildet. Kompositionsklassen leitete er am Kiewer und am Moskauer Konservatorium, wo Prokofjew zu seinen Schülern zählte.

Aufgeführt wird die Sinfonie in einer Gemeinschaftsproduktion des Orchesters der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) mit der Haute école de musique de Genève (HEMG) unter der Leitung des Moskauer Dirigenten Jurij Simonow.

Aufführungen in Genf, Victoria Hall, 24. April, 20 Uhr; Zürich, Tonhalle, 25. April, 19.30 Uhr; Neuenburg, Temple du Bas, 26. April, 20 Uhr.
(17.4.2017 © sda/sfd)



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