"GRENZGÄNGE" (10)

Lorenz Mohler: "Wir müssen auch Unausgesprochenes erspüren"
Von Ursula Binggeli, sfd

Wer eine Rede simultan in eine andere Sprache überträgt, überwindet dabei nicht nur sprachliche Grenzen. Eine Begegnung mit Lorenz Mohler, Leiter der entsprechenden Ausbildung an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW.

Stellen Sie sich vor, laut von 500 rückwärts zu zählen, während gleichzeitig jemand über einen Ihnen unbekannten Sachverhalt referiert. Wären Sie anschliessend in der Lage, den Inhalt dieser Ausführungen schlüssig zusammenzufassen? Nein? Die fünf bis sechs Frauen, welche jährlich an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW zum Masterstudium "Angewandte Linguistik" mit Vertiefung Konferenzdolmetschen zugelassen werden, können das zu Beginn der Ausbildung auch nicht. Am Ende dann schon.

Frauensache?


Wenn Ausbildungsleiter Lorenz Mohler zum Fenster seines Büros hinausschaut, sieht er direkt auf die vom Bahnhof Winterthur Richtung Osten wegstrebenden Gleisstränge. Manchmal kann er beim Anblick von Dampfloks und anderen Bahn-Oldtimern einstigen Bubenträumen nachhängen.

Aber als Dozent bewegt sich Lorenz Mohler in einer Frauendomäne. "Einen Mann haben wir letztmals 2010 ins Studium aufgenommen." Zu den Gründen dafür gibt es nur Mutmassungen. Sind Frauen eher bereit, einen Beruf zu ergreifen, in dem Zuhören-Können das A und O ist? In dem man sich ganz in den Dienst anderer Personen stellt?

Fest steht: Wer das zeitgleiche Dolmetschen lernen will - das Simultandolmetschen -, muss gewillt sein, nicht nur fachlich zu Höchstform aufzulaufen. Denn dieser Grenzgang zwischen zwei Sprachen erfordert viel mehr als eine hohe sprachliche Begabung und die Fähigkeit, Inhalte einer Rede in eine andere Sprache zu überführen und dann im neuen Wortkleid wiederzugeben, während man gleichzeitig laufend weitere Inhalte aufnimmt und in diesen Prozess einspeist.

"Das Aufteilen der Aufmerksamkeit auf mehrere Dinge - wir nennen das Split Attention - ist nicht das Schwierigste am Simultandolmetschen. Oft werden wir deswegen bewundert, dabei ist anderes noch anspruchsvoller", sagt Lorenz Mohler.

Konzentriert, mutig, emphatisch

Während Split Attention Übungssache ist - es dauert gegen zwei Jahre, bis bei den Studierenden mit regelmässigem Training die entsprechenden Hirnareale ganz aktiviert worden sind -, fallen andere Fähigkeiten in die Kategorie "persönlicher Rucksack". So zum Beispiel die Gabe, höchste Konzentration aufbringen zu können. Oder Mut zu haben! Lorenz Mohler: "Wer das Unbekannte fürchtet, ist dieser Aufgabe nicht gewachsen, sondern wird von steter Angst geplagt, beim Dolmetschen den Faden zu verlieren."

Und nicht zuletzt muss man sich in andere Menschen, in ihre Denkmuster und Emotionen, sehr gut einfühlen können. "Wir müssen auch das erspüren, was unausgesprochen in den Worten mitschwingt." Damit es gut komme, müsse man beim simultanen Dolmetschen ein Stück weit zu den Rednerinnen und Rednern werden, sagt Lorenz Mohler.

Bei den Aufnahmeprüfungen fürs Masterstudium ist es deshalb wichtig, nicht nur die fachlichen Aspekte, sondern auch die persönliche Eignung abzuklären. Wer schliesslich ins Masterstudium an der ZHAW starten darf, zählt zu den Besten der Besten. "Wir bilden hier eine Elite aus."

Fingerspitzengefühl

Ein paar Türen weiter, ein Unterrichtsraum. Besprechungstisch, allerlei technisches Gerät, daneben Dolmetscherkabinen. Rote Lämpchen in ihnen zeigen: Mikrofon läuft. Ab Rekorder: eine Ansprache des kubanischen Aussenministers Bruno Rodríguez - erhobene Stimme, prononcierte Sätze. Der Gesichtsausdruck der beiden jungen Frauen in den Kabinen: vertieft und angespannt zugleich.

Denn die Rede von Bruno Rodríguez stellt, so eloquent sie ist, für die angehenden Dolmetscherinnen in doppelter Hinsicht eine Herausforderung dar. Zum einen schwingt in ihr viel Pathos mit, und weil kubanisches und deutsches Pathos nicht dasselbe sind, muss beim Übertragen der kubanischen grossen Geste in deutsche Erhabenheit viel Fingerspitzengefühl angewendet werden. Dasselbe gelte auch für andere Stilmittel, sagt Lorenz Mohler - ganz besonders für die Ironie.

Schwungvolles Bogenschlagen


Zum andern spricht der kubanische Aussenminister relativ getragen, also eher langsam. Wer meint, dies komme der Dolmetscherin entgegen, täuscht sich. Lorenz Mohler: "Beim Übertragen langsam gehaltener Reden laufen wir Gefahr, an den Wendungen des Redners 'kleben' zu bleiben und ein Deutsch von uns zu geben, dem man anmerkt, dass es sich um eine Übersetzung handelt." So spricht auch in dieser Übung eine der Studentinnen erst dann "richtig schönes Deutsch", so die abschliessende Manöverkritik, nachdem sie in Verzug geraten ist und Gas geben muss, um wieder aufzuholen.

Es braucht eine gewisse Portion Schwung, um sich vom Gehörten soweit lösen zu können, dass eine Form von innerer Freiheit entsteht, aus der heraus dann der Bogen zur Zielsprache mit ihren Mustern und Feinheiten, ihrem Rhythmus und ihrer Melodie geschlagen werden kann. Erst dann ist die Grenze zwischen den Sprachen wirklich überwunden, erst dann wird möglich, was Lorenz Mohler als wichtiges Ziel definiert: "Das Publikum muss sich sprachlich daheim fühlen in dem, was wir ihm vortragen."

Weltwissen

Eine der grundlegendsten Voraussetzungen fürs erfolgreiche simultane Dolmetschen lässt sich nicht im Masterstudium erwerben, sondern muss ein ganzes Berufsleben lang aufgebaut und gepflegt werden: das "Weltwissen" - das Wissen um die Zusammenhänge, in denen die einzelnen Begriffe stehen. Welche Worte sind politisch wie aufgeladen? Was gilt als korrekt und was nicht? Wie lauten die wichtigsten Diskurse auf einem Gebiet? Lorenz Mohler: "Egal ob es um Zahnmedizin, Kernenergie oder Sterbehilfe geht: Wir müssen uns mit den Konferenzthemen vertieft auseinandersetzen."

Zu diesem Weltwissen gehört aber auch ganz profanes Alltagswissen. Zum Beispiel muss man am Tag nach einem wichtigen Champions-League-Spiel darauf gefasst sein, dass mindestens einer der Konferenzteilnehmer am Anfang seiner Rede spontan darauf Bezug nehmen wird. Wer dann nicht Bescheid weiss über Verlauf und Ausgang des Spiels, steht beim simultanen Dolmetschen schnell im Abseits.
(13.7.2017 © sda/sfd)



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