"GRENZGÄNGE" (11)

Cornelia Müller: "Musik macht glücklich und sollte gratis sein"
Von Frank von Niederhäusern, sfd

Sie holt Kulturschaffende aus New York und London nach Poschiavo und bereist als Pianistin selbst die Welt. Cornelia Müller vernetzt Menschen und Szenen.

Die Puschlaver sind stolz auf ihr frisches Bergquellwasser. Der Hotelgast wird angehalten, es zu geniessen, aber nicht zu verschwenden. Cornelia Müller tischt es mit der gleichen Würde auf wie Alpkäse, Hirschsalsiz und Anisbrot. "Wasser ist wertvoll, aber ein Allgemeingut", sagt die Zürcherin, die nach Poschiavo gezogen ist, weil sie hier ihre Ruhe fand und das Haus ihrer Urgrosseltern beziehen konnte.

"Auch Musik ist Allgemeingut und sollte, wie das Wasser, gratis sein!" Müllers Augen funkeln schelmisch, doch sie meint es ernst. Am Abend dieses milden Karsamstags lädt sie zum Konzert in die prächtige Casa Hasler. Mit Marcelo dos Reis und Luís Vicente spielen zwei arrivierte Musiker der portugiesischen Avantgardeszene. Gratis - und anschliessend gibts erst noch einen Apéro. "Wer will", sagt Müller, "darf was in den Kollektenhut geben."

"Machen sie denn auch wirklich Musik, die beiden Portugiesen?", fragt Mario Haefliger, der in Müllers Garten auftaucht und sich ans Merenda-Tischchen setzt. Haefliger ist Hausherr in der Casa Hasler und gewährt Müller Gastrecht für ihre Konzerte. Er zwinkert, während Müller versichert: "Jaja, es wird sehr schön!" Dann kichert sie ihr keckes Lachen, packt Käse, Brot und Wein in eine Tasche. Auf gehts in die Casa Hasler.

Eigene Begeisterung weitergeben

Im Frühling 2003 wars, als in Poschiavo der Freigeist einzog. Auf der Piazza, im Kino Rio, selbst auf der Alp Grüm vor der Kulisse des Piz Palü und seines Gletschers schmetterte ein Orchester von schwarzen Instrumentalisten in bunten Gewändern eine Musik durchs Tal, die den Einwohnern bis heute in den Ohren klingt.

Aus den USA war das Sun Ra Arkestra angereist: 14 Musiker, die das Erbe des Free-Music-Visionärs Sun Ra (1914–1993) pflegen. "Ich wollte meine Begeisterung für diese Musik weitergeben", sagt Cornelia Müller. "Also holte ich das Arkestra in meine neue Heimat."

Dort, wo sie sich so wohl fühlte, hatte Müller 1999 das "UNCOOL Festival" lanciert. Die Erstausgabe war ein schlagender Erfolg, obwohl die gebotene Musik kaum dem Geschmack des Durchschnitts-Puschlavers entsprach. Doch die Einheimischen erschienen zahlreich zu den teils frei improvisierten Konzerten.

Gemeinde und Kanton unterstützten das Festival, was aber nicht reichte. Cornelia Müller blieb nach jeder der folgenden Ausgaben auf immensen Defiziten sitzen; 2012 war Schluss. "Immerhin habe ich viele Musiker und Zuhörende glücklich gemacht", blickt Müller mit Stolz zurück. "Und ich habe die Hörerfahrung der Leute im Tal erweitert."

In die weite Welt und wieder zurück

In der Casa Hasler tröpfeln die ersten Gäste ein. Hausherr Mario und seine Frau Olga begrüssen alle persönlich. Man kennt sich und plaudert in vielen Sprachen. "Die Kulturszene in Poschiavo ist überschaubar, aber aktiv", sagt Mario Haefliger. "Zu den Einheimischen kommen viele Zugezogene und Rückkehrer." Diese Bewegungen raus in die weite Welt und wieder zurück habe es hier schon immer gegeben, ergänzt Olga Haefliger. "Deshalb ist unser Tal so weltoffen."

Cornelia Müller hat sich herausgeputzt. Auf ihren roten Haaren hockt eine ebensolche Kappe, ihre Jacke ist komplett mit Strasspailletten besetzt. "Aus dem Secondhand-Shop in Philadelphia", flüstert sie. Die 66-Jährige wieselt durch die wachsende Gesellschaft, begrüsst Freunde, den örtlichen Kulturbeamten, den Richter. Gitarrist Marcelo dos Reis und Trompeter Luís Vicente aus Lissabon spielen vor vollem Saal.

Austausch über die Landesgrenzen hinweg

Das Ende von "UNCOOL" gab Cornelia Müller keine Ruhe. 2013 öffnete sie ihr Haus für Artists in Residence und empfängt seither monatlich Musiker der Freien Szene - aus Berlin, London, New York oder eben Lissabon.

Sie bietet drei Wochen Unterkunft, einen grossen Übungsraum samt Flügel und Schlagzeug und zum Schluss zwei Konzerte: eines in Poschiavo, eines im nahen Veltlin. "Ich kenne einige Leute in Italien", erklärt Müller. "Auch dieser Austausch ist mir wichtig."

Die beiden Portugiesen geniessen ihren Aufenthalt sichtlich. In der Dorfbeiz, wohin sie Müller nach dem Konzert einlädt, sind sie allbekannt. Müller bestellt einheimische Köstlichkeiten, wenig später geniesst die kleine Runde Pizzoccheri und Manfríguli.

Beim Essen erzählt Cornelia Müller, dass ihr Grenzen noch nie viel bedeutetet haben. Die gebürtige Zürcherin lebte lange in Berlin, wo sie fotografierte, schrieb, Kunstinstallationen realisierte, die Musik entdeckte. "Es kann sein, dass ich mal Psychologie studiert habe", orakelt sie in ihrer erfrischenden Selbstironie.

"Ursprünglich war ich Lehrerin, habe das Schulsystem aber nicht ausgehalten. Dann haben die Gene meines Vaters, eines Psychologen, abgefärbt." Von der Psychologie hat sie zur Hirnforschung gewechselt. Auch der zweite Partner ihrer Mutter, der Zürcher Künstler Edwin Wenger, hat sie nachhaltig geprägt.

Im "Centrale" verrät sie anstehende Projekte: Eine digitale Ausstellung ihrer Fotografien am Bahnhof von Poschiavo. Eine Klang-Installation, mit der sie sich für die Jahresausstellung im Bündner Kunstmuseum in Chur bewerben will. Und 2018 soll am Vicenza Jazz Festival (I) ein Film über das Sun Ra Arkestra entstehen.

Sechs Kameras will Müller im eindrücklichen Teatro Olimpico platzieren, um die umfassende Performance des Arkestra einzufangen. "Die Gerüchte stimmen", lacht Müller, "Marshall Allen ist mein Partner."

Allen leitet das Arkestra seit 1995 und lebt in den USA. "Wegen Visa Schwierigkeiten sehen wir uns selten", sagt Müller. "Aber es gibt ja Wichtigeres als Sex - Musik zum Beispiel." Als Pianistin bildet Müller mit Marshall Allen, dem Cellisten Kash Killion und dem Schlagzeuger Avreeayl Ra das Double Spiral Infinity Quartet.

Neue Bewegung in der Kulturszene

In Poschiavo ist das Kulturprogramm noch nicht zu Ende. Im "Devon House" hat Hans-Jörg Bannwart zum Kinoabend geladen. Der örtliche Gerichtspräsident, der auch am Konzert in der Casa Hasler war, zeigt sporadisch Filme im kleinen Kreis. Heute wars "Blancanieves" des spanischen Regisseurs Pablo Berger.

Entsprechend stehen in der Bibliothek von Bannwarts kunstvoll renoviertem Palazzo Rioja und Sherry bereit. "Nach der gewerblichen Umnutzung des alten Kino Rio, wo nicht nur Filme zu sehen waren, gab es eine Zäsur im kulturellen Leben", erklärt Bannwart. "Dann hat Cornelia Müller mit ihren Artists in Residence eine neue Bewegung angestossen. Die Kultur findet heute in privaten Räumen statt."

Es ist Nacht geworden in Poschiavo. Durch mondhelle Gassen schlendert Cornelia Müller mit ihren portugiesischen Gästen nach Hause. Luís und Marcelo sind beeindruckt von diesem Abend. "I love Poschiavo", lallt Marcelo dem Mond entgegen. Und Luís doppelt nach: "We tell all our mates to come here." Cornelia Müller strahlt und sagt dann: "You know, Poschiavo is the navel of the world."
(14.7.2017 © sda/sfd)



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