"GRENZGÄNGE" (12)

Ruth Gantert: "Literatur braucht Lesende - und Viceversa"
Von Sabine Arlitt, sfd

Die Literaturkritikerin, Literaturvermittlerin und Übersetzerin Ruth Gantert ist viel auf Achse, unterwegs in der Schweiz von Ost nach West und von Nord nach Süd und zuweilen über die Landesgrenzen hinaus. Sie wirkt als Botschafterin des geschriebenen Worts.

Sie scheint auf wundersame Weise Flügel zu besitzen, obwohl sie real auf die Bahn angewiesen ist. Ihr Leben für die Literaturen führt die Romanistin Ruth Gantert an Festivals und Lesungen, an Sprachsymposien und Jurysitzungen, an selbst moderierte Gespräche und Redaktionsmeetings.

Sie ist künstlerische Leiterin des "Service de Presse Suisse" und Redaktionsleiterin der Internetplattform für Schweizer Literatur, viceversaliteratur.ch, wie auch des dreisprachigen Jahrbuchs "Viceversa", für dessen deutschsprachige Ausgabe sie zudem verantwortlich ist.

Ruth Gantert koordiniert und vermittelt zwischen den beiden Redaktionen und lenkt die Zusammenarbeit mit ihrem ausgeprägten Teamgeist anregend und konstruktiv. Dabei ist sie die Bescheidenheit in Person. Im Gespräch mit der 1967 geborenen Geisteswissenschaftlerin, die in Zürich, Paris und Pisa studiert hat, sitzt einem eine Frau gegenüber, die das genaue Zuhören pflegt und der die Fähigkeit gegeben ist, auf andere einzugehen.

"Viceversa" entstand in der Nachfolge der Zeitschrift "Feuxcroisés" und hat zum Ziel, die Literatur aller Regionen der Schweiz über die Sprachgrenzen hinaus bekannt zu machen und den Kulturaustausch zu fördern. Im Wort "Übersetzen" ist auch das buchstäbliche Hinüberführen enthalten. Mit dem Transfer wird kulturelles Neuland betreten.

Zwei einschneidende Änderungen hat das Jahrbuch im Laufe seines mittlerweile elfjährigen Bestehens erfahren. Anfangs gingen die Verantwortlichen recht puristisch an die Sache und stellten in den jeweiligen Jahrbüchern strikt nur Autorinnen und Autoren der anderen Sprachregionen vor.

Doch schnell einmal war klar, dass die Leser und Leserinnen auch Schriftsteller und Schriftstellerinnen aus der eigenen Region entdecken wollten. Seit der Ausgabe 4 sind nun alle Autoren in allen Ausgaben vertreten. Seit der Ausgabe Nummer 8 ist das Jahrbuch zudem einem Thema gewidmet. Den Anfang machte "Berlin". Die aktuelle Ausgabe widmet sich der "Diebeslust" und erzählt Räubergeschichten, geht aber auch den Quellen der Inspiration aus unterschiedlichen Blickwinkeln nach.

Ein Jahrbuch beflügelt die Leselust

Das Jahrbuch "Viceversa" ist eine literarische Fundgrube. Es vermag mit dem Lesevirus zu infizieren und die Neugier auf das literarische Schaffen aller Sprachregionen zu wecken. Ausführliche Autorenporträts bringen den Lesern die Schreibenden und deren Texte näher. Eine wichtige Rolle kommt der Rubrik "Übersetzen" zu, in der Übersetzerinnen eine "Carte blanche" erhalten, um einen Text, der ihnen besonders naheliegt, vorzuschlagen und zu übersetzen.

In jeder Ausgabe werden zudem in der Rubrik "Inédits" erstmals veröffentlichte Texte vorgestellt. Ohne die vielen engagierten Akteure, die das geschriebene Wort in die Welt hinaustragen, würden zahlreiche Bücher ein Schattendasein fristen.

So werden regelmässig auch Leute aus dem Literaturbetrieb porträtiert. Einmal galt die Aufmerksamkeit Buchhändlerinnen der vier Sprachregionen, dann waren es Bibliothekare, aktuell werden Literaturkritiker vorgestellt.

All diese Porträtierten präsentieren ihre Favoriten unter den Neuerscheinungen eines Literaturjahrs. Diese Tipps werden durch Vorschläge der "Viceversa"-Redaktion ergänzt. Zudem ist jeweils aufgelistet, welche Schweizer Bücher jüngst in eine andere Landessprache übersetzt worden sind.

Kreativer Ort im Malcantone

Ruth Gantert stammt aus einem künstlerisch geprägten Elternhaus. Der Vater war Maler und Grafiker, die 80-jährige Mutter ist Textilkünstlerin. Die Tochter, übrigens eine leidenschaftliche Schwimmerin, zog es hin zur Sprache mit ihrem Reichtum an Bedeutungsnuancen und rhythmischen Klängen.

Im Dezember 2004 richtete sie im Strauhof Zürich eine viel beachtete Ausstellung über den ebenso eigenwilligen wie einflussreichen französischen Lyriker Arthur Rimbaud ein, ein sprachlicher Geburtshelfer im Hinblick auf die abstrakte Kunst und den Surrealismus.

Seit einigen Jahren engagiert sich Ruth Gantert auch für die Kulturstiftung "Fondazione Casa Atelier Bedigliora", wo sie als Geschäftsleiterin tätig ist. Seit sie das Atelier der Stiftung betreut, das kulturschaffenden Frauen über 50 für drei Monate einen Raum zum Arbeiten bietet, nutzen neben den hauptsächlich bildenden Künstlerinnen vermehrt Autorinnen den kreativen Ort im Malcantone.

Jeder Atelieraufenthalt findet seinen offiziellen Abschluss in Form einer Ausstellung, Lesung oder ähnlichen Präsentation. Für Ruth Gantert ist es eine Selbstverständlichkeit, dass sie zweisprachig durch diese Anlässe führt.

Auffallend ungewohnt ist der Umgang mit bildnerischen und literarischen Mischformen in dem auf neun Bände angelegten Grossprojekt "Ungewisses Manifest" des Französisch-Schweizerischen Autors und Künstlers Frédéric Pajak (edition clandestin).

Das Bilderbuch mit seinem innovativen Verhältnis zwischen Bild und Text bildet ein eigenes Genre. Ruth Gantert hat die ersten zwei Bände mit feinem Gespür ins Deutsche übersetzt und sitzt nun am dritten.

Im Magazin "Literarischer Monat" wirkt sie als "Botschafterin" und schreibt regelmässig einen Brief aus der Romandie. Sie schreibt auch selbst regelmässig Kritiken für die Internetplattform von "Viceversa", wo fortlaufend aktuelle Buchbesprechungen aufgeschaltet sind und auf alle wichtigen Literaturveranstaltungen aufmerksam gemacht wird.

Poetische Wanderungen

Man lernt dank "Viceversa online" das Übersetzerfestival "Babel" in Bellinzona, die "Eventi letterari Monte Verità" oder die zweisprachigen Dichterwanderungen in den Bergen des Jura kennen. Ruth Gantert nimmt, wenn immer möglich, daran teil, nie allerdings, ohne das jeweils neuste Jahrbuch bei sich zu haben.

Unkompliziert und vielsprachig wirbt sie dafür. Sie ist in der Jury der Schweizer Literaturpreise und engagiert sich für den Nachwuchs, kein Wunder, dass sie auch ein gern gesehenes Jurymitglied in der Vergabe des Studer/Ganz-Preises für deutschsprachige Prosadebüts ist.

Als Ruth Gantert in jungen Jahren bei der Berufsberaterin war, wurde ihr empfohlen, Chinesisch oder Russisch zu studieren, um leichter einen Job zu finden. Italienisch oder Französisch könne doch jeder in der Schweiz, hiess es. Zum Glück für alle Literaturbegeisterten liess sie sich nicht von ihrer Wahl abhalten. Zuhause in ihrer Zürcher Wohnung spricht sie nicht ihre Muttersprache, sondern mit ihrem Lebenspartner Französisch, auch er ein Übersetzer.
(14.7.2017 © sda/sfd)



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