"GRENZGÄNGE" (14)

Ferruccio Cainero: "Wichtig ist, dass mich alle verstehen"
Von Antje Bargmann, sfd

Mit seinem Humor überwindet Ferruccio Cainero Sprach- und Kantonsgrenzen. Als Erzähler, Theaterautor und Regisseur fühlt sich der gebürtige Italiener auf den Schweizer Bühnen zu Hause.

Das Wohnhaus von Ferruccio Cainero liegt in unmittelbarer Nähe zur italienischen Grenze im Mendrisiotto. Weinberge in der Umgebung lassen die Landschaft entfernt an die Toskana erinnern. Ein vollgekritzelter Esstisch im Wohnzimmer zeigt an, wo kreativ gearbeitet wird. "An diesem Platz habe ich gestern eine Sendung für das Tessiner Radio- und Fernsehen (RSI) entwickelt", erzählt Ferruccio Cainero. "Während ein Kollege die gemeinsamen Ideen aufschrieb, habe ich gedankenverloren das Möbelstück bemalt."

Humor ist universell

Der gebürtige Italiener aus dem Friaul ist als Erzähler, Theaterautor und Regisseur eine feste Grösse auf den Schweizer Bühnen. "Ich bin nicht berühmt, aber bekannt", sagt er über sich selbst. In der Tat kann er bei seinen Auftritten in der gesamten Schweiz auf ein treues Publikum zählen. Über Sprachbarrieren setzt er sich hinweg, sein tiefgründiger Humor wird universell verstanden. "Ich spreche alle Landessprachen - auf Italienisch", sagt Cainero schmunzelnd.

Als "narratore", als Erzähler, verflechtet er in seinem Bühnenprogramm persönliche Erlebnisse mit Geschichte, immer humorvoll, immer auch zum Nachdenken. Geschichte sei seine Leidenschaft, sagt Ferruccio Cainero, der ursprünglich Geschichtslehrer werden wollte. Der Künstler, der in seiner Anfangszeit auch als Strassenclown auftrat, legt Wert darauf "humoristisch" von "komisch" zu unterscheiden. Er hält sich dabei an den italienischen Schriftsteller Luigi Pirandello (1867-1936).

"Dieser sagte, das Humoristische sei die Umkehrung des ersten spontan-komischen Eindrucks." Dies geschehe durch Reflexion und bringe Tiefgründiges ans Licht. Die Auftritte von Ferruccio Cainero enthalten dennoch auch viele einfach nur komische Momente. Es wird viel gelacht, es gibt immer überraschende Wendungen. Das müsse auch so sein, erläutert der Künstler. "Andernfalls langweilt sich sich das Publikum schnell."

Sein neuestes Programm heisst TIK TAK und wird im Herbst erstmalig auf Deutsch aufgeführt. Premiere ist am 21. Oktober im Theater "Klibühni" in Chur. TIK TAK ist ein Monolog über die Zeit, die Uhrenindustrie und den Nostalgiebegriff, der in der Schweiz entstand. Seine Familiengeschichte diene als roter Faden, erläutert der Künstler. "Mein Vater war Uhrenmacher und Filmvorführer."

Schreiben im Zug

Der Blick aus dem Wohnzimmer der Familie Cainero fällt auf den grün bewachsenen kleinen Garten. Die Sonne scheint, eine Katze schleicht an der weit geöffneten Terrassentür vorbei. Kirchturmglocken beginnen in der Ferne zu schlagen. Ein idealer Ort für kreatives Schaffen, oder? "Meine Texte schreibe ich am liebsten im Zug", antwortet Cainero lachend. "In der Schweiz funktioniert das wunderbar. Während der Fahrt stelle ich mir einen Wecker, damit ich meinen Bahnhof nicht verpasse. Dann tauche ich völlig in meiner Arbeit ein."

Schreiben sei auch das, was er am liebsten mache. So verfasse er neben den eigenen Monologen auch Stücke und Programme für andere Künstler, darunter Gardi Hutter, mit der er in erster Ehe verheiratet war. In 35 Jahren schrieb oder inszenierte er mehr als 40 Theaterstücke. "Es ist erfreulich zu wissen, dass die Tantiemen auch an den Tagen auf das Konto fliessen, an denen ich gemütlich zu Hause bin", erklärt er augenzwinkernd. Regiearbeit wiederum mache er sehr gerne, empfinde sie aber als besonders anstrengend.

Sobald er selbst auf der Bühne stehe, fühle er sich in seinem Element. Doch kommt sein Programm wirklich überall in der Schweiz gleichermassen an? Kann Humor tatsächlich Sprach- und Kantonsgrenzen überwinden, ohne dem Publikum angepasst zu werden? Cainero, der schon mit mehreren Kleinkunstpreisen ausgezeichnet wurde, ist davon fest überzeugt: "Das Theaterpublikum ist überall gleich. Es gibt keine mentalitätsbedingten 'kühleren' oder 'warmherzigeren' Reaktionen."

Seine Bühnenstücke konzipiere er nicht speziell für eine bestimmte Region. Dasselbe gelte auch für die Übersetzungen. "Ich bin jetzt 64 Jahre alt. Ich versuche nicht gezielt, dem Publikum zu gefallen. Ich schreibe frei aus dem Herzen heraus." Allerdings passt er die Übersetzungen sich selbst an, wie er erklärt. Denn die korrekte Eins-zu-Eins-Übersetzung seines Programms, die ihm Muttersprachler liefern würden, komme ihm nicht immer über die Lippen.

"Manchmal tausche ich Ausdrücke oder Formulierungen gegen Sätze, die mehr nach mir klingen. Anschliessend frage ich meine Frau, ob ich noch zu verstehen bin. Wenn sie verneint, formuliere ich es neu." Es gehe ihm nicht darum, sich in einem anderen Sprachraum vollkommen zu assimilieren. "Ich bleibe immer der gebürtige Italiener mit dem Akzent. Ich erzähle ja auch Geschichten aus Italien und dem Tessin. Das bin ich. Wichtig ist nur, dass mich alle verstehen."

Mehr Schweizer als Italiener

32 Jahre lebt Ferruccio Cainero bereits in der Schweiz. Davor lebte er 32 Jahre in Italien. "Ab nächstem Jahr bin ich also mehr Schweizer als Italiener", sagt Cainero, der die doppelte Staatsangehörigkeit besitzt. Wo er sich mehr zugehörig fühle? "Meine Heimat ist die Bühne. Ich fühle mich in jedem Theater zu Hause." Den "Vaterlandsbegriff", la Patria, findet er überholt, wie er erklärt. Ihm gefalle das Konzept der "Cittadinanza", der Staatsbürgerschaft, die er als vertragliche Bindung mit Rechten und Pflichten versteht.

"Das Tessin ist mein privates Zuhause geworden." Dort lebt er mit seiner Frau, dort hat er auch seine Kinder aufgezogen. Dass er beruflich aktuell auf die Schweiz konzentriert ist, unterscheidet ihn von vielen anderen Bühnenkünstlern im Tessin. Schon allein wegen der Sprache hätten diese eine starke Ausrichtung nach Italien. "Vom Tessin allein kann kein Bühnenkünstler leben", so Cainero. Er selbst hat beruflich die Brücken nach Italien abgebrochen. Ursprünglich habe das organisatorische Gründe gehabt, inzwischen auch künstlerische.

Geschichte zurechtgebogen

"Italien hat sich verändert. Ich glaube, es sind die Folgen der Ära Berlusconi. Worüber soll ich als 'narratore' dort sprechen, wenn ich die Haltung der Menschen nicht mehr verstehe?" Populistische Kampagnen und Fake-News hätten ihre Spuren hinterlassen, ist er überzeugt. Zwar spare er Politik aus seinen Programmen aus, doch eine gewisse Grundhaltung seinerseits komme natürlich zum Ausdruck.

Aktuell schreibt und spricht Cainero für Radio SRF 1 alle zwei Monate für eine Woche die "Morgengeschichten". Für die Tessiner RSI bereitet er derzeit unter anderem eine Reihe über die Geschichte des Tessins vor. Das Konzept: Durch einen Hörfehler wird "Storia spiegata" (erklärte Geschichte) zu "Storia piegata" (zurechtgebogene Geschichte ). Von November bis Januar wird er ausserdem nahezu täglich mit einem Beitrag im Vorstadt Variété in Schaffhausen zu sehen sein.
(17.7.2017 © sda/sfd)



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