"GRENZGÄNGE" (2)

Christian Birchmeier: "Grenzsteine erzählen immer Geschichten"
Von Ursula Binggeli, sfd

Der Schaffhauser Geograf Christian Birchmeier forscht auf eigene Faust zu alten March- und Zeugensteinen. Dabei gerät er manchmal ins Philosophieren.

Es gab einmal eine Zeit, da nahm man in gewissen Gegenden beim Setzen eines neuen Grenzsteins stets die Jungmannschaft mit aufs Feld. Die Schaufeln flogen, das Loch wurde tiefer und tiefer - und kurz bevor der grosse Grenzstein hineingestellt wurde, deponierte man darin ein geheimes, kleines Objekt aus Ton, Keramik oder Glas, den sogenannten Zeugenstein.

Diesem war eine wichtige Aufgabe zugedacht: Er sollte später bei Grenzstreitigkeiten die ursprüngliche Platzierung des Marchsteins markieren. Dann wurde noch ein Bub an beiden Beinen gepackt und ohne viel Federlesen kopfvoran für kurze Zeit ins Loch gehängt; wieder draussen, gab es einen zünftigen "Chlapf hinter d Ohre". Das Prozedere sollte dafür sorgen, dass der Bub die Lage des Marchsteins sein Leben lang nicht vergass und dieses Wissen in die Zukunft tragen konnte.

Grenzgeschichten


"Grenzsteine erzählen Geschichten", sagt Christian Birchmeier. Dass sich manche von ihnen historisch belegen lassen, fasziniert ihn immer wieder von Neuem. Der 65-jährige Geograf und Militärhistoriker verbringt jede Woche mehrere Stunden im Staatsarchiv Schaffhausen und widmet sich dort mit Akribie der Erforschung der alten March- und Zeugensteine in seinem Heimat- und Wohnkanton.

Ein paar Grenzsteine sind heute in Lokalmuseen zu besichtigen. Das älteste noch erhaltene Exemplar befindet sich im Museum zu Allerheiligen in Schaffhausen - es datiert von 1535. Andere sind zum Ausflugsziel für historisch Interessierte geworden, so etwa der "Schwarze Stein", der am weitesten nördlich gelegene Grenzstein der Schweiz: Über ihn haben die Schaffhauser einst vom Gericht mit Verbannung belegte Personen aus dem Land gejagt.

"Ein Grossteil der Steine befindet sich aber verstreut und versteckt in der Landschaft und fristet ein einsames, vergessenes Dasein", sagt Christian Birchmeier. Gerade kürzlich hat er wieder einen von ihnen gefunden, auf dem Randen, dem Höhenzug im Norden des Kantons – stark überwuchert, die Jahreszahl jedoch noch erkennbar: 1643.

Schachtel um Schachtel

Weitere Entdeckungsreisen im Freien sind im Moment nicht angesagt, weil Christian Birchmeier zuerst in monatelanger Arbeit die unzähligen Schachteln durchforsten will, die ihm der Staatsarchivar bereitgestellt hat: Vergilbte Gemeinderechnungen, mit aufwendigen Siegeln versehene March- und Bannbeschriebe, abgefasst in zum Teil nur schwer entzifferbarer Handschrift.

In allen von ihnen können sich Hinweise auf Grenzsteine finden; meistens handelt es sich dann um minutiöse Beschreibungen. Weil Grenzsteinsetzungen stets eine Sache der Obrigkeit waren, wurden sie entsprechend dokumentiert.

Akten durchsehen, Listen anfertigen, Kategorien anlegen, Überblick schaffen - so umschreibt Christian Birchmeier sein Vorgehen. Systematisch, geduldig, neugierig. "Jede Schachtel ist für mich wie eine Wundertüte: Ich öffne die Schleife, die sie zusammenhält, hebe den Deckel und gucke gespannt hinein."

In den stillen Stunden im altehrwürdigen Lesesaal des Staatsarchivs blättert Christian Birchmeier langsam Seite um Seite um, "immer voll Ehrfurcht vor der Arbeit der damaligen Feldmesser", und freut sich, wenn er - wie etwa in einem Bannbeschrieb von 1656, dem Jahr, in dem Schaffhausen einem süddeutschen Grafen das Klettgau abkaufte - aufs Mal Angaben zu vielen neu gesetzten Marchsteinen finden kann, "alle genauestens kartografiert".

Zwar interessiert sich Christian Birchmeier dabei primär für Hinweise auf Zeugensteine, aber er kann sich auch ob anderer Funde begeistern. Unvergesslich bleibt etwa der Moment, als er in einer Schachtel mit Plänen und Bannbeschrieben auf Holzmodelle von Grenzsteinen aus dem Jahr 1657 stiess, jedes etwa 15 cm hoch. "Ein Highlight."

Aber mehrheitlich gleiche seine Forschungstätigkeit dem berühmten Suchen nach der Nadel im Heuhaufen, sagt er. Und fügt an: "Setzen Sie Ihren Bericht doch unter den Titel: Freizeitbeschäftigungen eines pensionierten Schulmeisters."

Ziel: ein Buch

Christian Birchmeier ist seit 40 Jahren als Lehrer tätig, zuerst an der Kantons-, danach an der Berufsschule. Seit 25 Jahren nehme er keine Arbeit mehr mit nach Hause, sagt er. "Da habe ich konsequent Grenzen setzen müssen; nur so habe ich mir genügend Freiraum für alles andere schaffen können."

Nun freut er sich auf den Sommer - Ende Schuljahr 16/17 geht er in Rente und wird noch mehr Zeit haben, seine vielfältigen Interessen und Aktivitäten zu pflegen: die Philatelie, den Aufbau und Unterhalt von Archiven wie demjenigen des Männerchors Stein am Rhein, den Hüttenwartjob in der SAC-Hütte Hasenbuck auf dem Randen, das Verfassen lokalhistorischer Zeitungsartikel - und natürlich die Grenz- und Zeugensteinforschung.

Anders als im Nachbarkanton Zürich, wo Grenzsteine von Amtes wegen inventarisiert werden, und anders als im nahen Deutschland, wo sie als Kleindenkmäler gelten und entsprechend öffentliche Zuwendung geniessen, kümmere sich in Schaffhausen niemand gross um sie, sagt Christian Birchmeier. "Nun mache das halt ich - auf eigene Faust. Soviel ich weiss, bin ich der Einzige im Kanton." Seine Erkenntnisse will er, wenn die letzte Archivschachtel durchgesehen und die anschliessende Feldarbeit dann ebenfalls abgeschlossen ist, in einem Buch festhalten.

Grenzbetrachtungen

Woher rührt sein grosses Interesse am Thema Grenzmarkierungen? Als Geograf sei ihm diese Materie halt vertraut, sagt Christian Birchmeier. Und sicher spiele es eine Rolle, dass er in Schaffhausen gross geworden sei und schon früh erfahren habe, dass eine Grenze die Welt in hüben und drüben teile.

Prägend waren später dann die zwei Jahre, in denen er als Angehöriger der neutralen Überwachungskommission für den Waffenstillstand zwischen Nord- und Südkorea Teil der ältesten friedensstiftenden Mission der Schweizer Armee war. "Ich war ein junger Mann damals, und in Korea zu erleben, was eine hermetisch geschlossene Grenze bedeutet, hat mich zutiefst beeindruckt."

Manchmal kommt Christian Birchmeier ob all dem ins Philosophieren. Er ist überzeugt, dass es Grenzen braucht, zwischen Ländern, zwischen Menschen. Anders sei ein gutes Zusammenleben nicht denkbar - da ist er sich ganz sicher. "Aber die Grenzen müssen durchlässig sein."

So ist er denn an einem schönen Sommertag gerne mit seinem Weidling auf dem Rhein unterwegs, der die Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz bildet, und lässt sich von der Strömung genüsslich zwischen den beiden Ländern hin und her treiben.
(3.7.2017 © sda/sfd)



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