"GRIMMIGE MÄRCHEN" IM SCHAUSPIELHAUS ZÜRICH

Fritsch. Quietsch. Quatsch.
Von Bruno Rauch, sfd

Einmal mehr drückt Regisseur Herbert Fritsch gehörig auf die Tube. Diesmal quetscht er die Märchen der Brüder Grimm aus und nennt sie "Grimmige Märchen".

Bei Müesliflocken oder Waschpulver, selbst bei gewählten Politikern schätzt man durchaus, wenn drin ist, was draufsteht. Wenn bei einer Regiearbeit Herbert Fritsch draufsteht, kann man sicher sein, dass Herbert Fritsch drin ist. Mithin ist sattsam bekannt, was zu erwarten ist: Buntes, Schrilles, Schräges. Klamauk, Slapsticks, Nonsense à gogo. Von allem derart viel, dass es bald mal zum Overkill, zum Übermass, zum Überdruss kommt. Und, ja, zur Langeweile.

Das muss so sein, denn erklärtes Ziel des hochgehandelten Regisseurs und Schauspielers scheint es, der Sinnhaftigkeit oder gar - wäh! - dem Intellekt den Garaus zu machen. Nieder mit dem Sinn, es lebe der Unsinn! Dass dabei auch der Humor auf der Strecke bleibt, gehört zu den Kollateralschäden. Die Pointen werden mit einem gedehnten und wiederholten Knock-out zu Fall gebracht, und wenn sie am Boden liegen, wird weiter tüchtig drauf herum getrampelt, bis sie platt und mausetot sind.

Morden und Schlachten

Das Zu-Tode-Bringen, das Sieden und Sengen passt natürlich schon zu den "Kinder- und Hausmärchen", welche die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm 1812 erstmals als Sammlung herausgaben. Und dabei wohl mitnichten nur an Erbauung und Unterhaltung sittsamer Bürgerkinder dachten. Zu brutal, pervers, mitunter gar sadistisch sind einzelne Erzählungen, als dass sie sich als Gute-Nacht-Geschichten eigneten - etwa diejenige "Wie Kinder Schlachtens miteinander gespielt haben", wo eine fünfköpfige Familie ausgelöscht wird, und das auf knapp zwanzig spröden Zeilen.

Auch Frau Trude, die ein vorwitziges Kind in ein Holzscheit verwandelt und ins Feuer wirft, um sich daran zu wärmen, entspricht kaum einer kindgerechten Pädagogik. Selbst die Jungfrau Maria lässt sich reichlich Zeit, bis sie eine harmlose Lügnerin im letzten Satz einer unendlichen Leidensgeschichte aus dem Flammentod errettet. Der "gescheidte Hans", der nur in Halbsätzen spricht und seine Grethel wie ein Vieh an die Raufe bindet, oder der auch hierzulande bestens bekannte "Jockli", der erst "Birnli" schütteln will, als ihn das "Hündli" beisst, sind daneben geradezu harmlos.

Fritsch wählt aus dem ungeheuren und ungeheuerlichen Fundus just die schwarzen Märchen aus, die er mit einem achtköpfigen exzellenten Schauspielerensemble auf die Bühne bringt, wozu er die hinreissende Szenerie selbst entworfen hat: einen güldenen Schrein, darin ein gigantisches, raumfüllendes Kissen mit Kelim-Bezug, das sich als gebauschte Spiellandschaft für die Akrobatik und die Kapriolen der Akteure eignet, die allein schon hierfür ein Extra-Bravo verdienen.

Aussen fix, innen...

Die prächtigen Kostüme und exzessiven Perücken hat Victoria Behr entworfen. Sie entstammen dem märchenhaften Universum, ohne einzelne Figuren zu präzisieren. Da ist ein Mischwesen aus Rotkäppchen und Rumpelstilz, eine hysterische Schneewittchen-Königin, ein rotbärtiger Drosselbart mit immenser Halskrause, ein froschgrüner Prinz, ein pummeliger König mit Zuckerwattefrisur: Alle geben ihr Bestes, schreien, flüstern, stolpern, werfen sich zu Boden, rappeln sich wieder auf. Für sich genommen unzählige reizvolle, hochpräzise Kabinettstücke; zusammengenommen ein Sammelsurium von ermüdenden Gags.

Fein beobachtet dagegen ist Markus Scheumanns Handynummer mit einem verlorenen Schuh - kein Grimm-Märchen, sondern ein Zuckerl für den Affen, das leider ebenfalls Fäden zieht. Zirkusreif ist Florian Anderer, der seine Agilität schon als Samiel im "Freischütz" im Opernhaus unter Beweis stellte. Nur: Auch dort liess er sein Barett ständig vom Kopf schnellen; auch dort knallte er ständig kopfvoran in die Wand. Das Repetitive scheint die persönliche Obsession des Herrn Fritsch zu sein: As usual sein theatralischer Auftritt für den Schlussapplaus - diesmal mit Fischkopf!
(8.4.2017 © sda/sfd)



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