"GRIT" VON NOMI LERCH

Verwunschene Geschichte vom Weggehen und Hierbleiben
Von Irene Widmer, sfd

Zwei Jahre nach Noëmi Lerchs gefeiertem Erstling "Die Pürin" ist nun ihr zweites Buch "Grit" erschienen. Wieder ist ein Bauernhof Schauplatz und wieder stehen eine ältere und eine jüngere Frau im Zentrum. Und wieder schwebt über allem eine zugleich karge wie kostbare Atmosphäre.

"Die Hühner sind meine alten Faxgeräte. Sie empfangen die Briefe unserer Ahnen und übersetzen sie in die Sprache der Tiere", sagt Grit. "Mutter, sagt Wanda ernst. Bevor du mir mit den Ahnen kommst. Sag mir erst einmal, was aus mir geworden ist".

Grit - das ist eine ältere Frau im Offiziersmantel, die Tabakpfeife raucht und früher einmal Tierärztin war. Und vermutlich auch eine berühmte Tierschutzaktivistin, jedenfalls meint Wanda sich zu erinnern, dass Grit einmal im Fernsehen war. Geschminkt, aber ohne BH. "Damit käme ich mir vor wie ein gesatteltes Pferd", sagt Grit, die stets alles erreicht hat, was sie sich vornahm.

Von Grits Tochter Wanda kann man das nicht behaupten, sie scheint sich nie irgendetwas vorgenommen zu haben. Ihr Mann Gunnar las sie auf dem Pannenstreifen auf, als sie auf dem Weg zu einem Schlossfest war. Jetzt führt sie das kleine, ramponierte Bauerngut am Ende eines Tals, in dem sie mit Grit und ihren beiden kleinen Kindern wohnt.

Alle Männer fort oder tot

Die Männer sind abwesend oder gestorben. Tot Wandas Vater Hias, der sie und ihre Schwester Iwa als Hausmann grossgezogen hat; tot von eigener Hand Wandas (be)zaubernder Onkel Gabriel, dessen schwarze Bettwäsche sie erbt; aus Fernweh weggegangen Wandas erster Freund Nils, der ihr genug Glas hinterlassen hat, um damit Land zu kaufen; fort, vorübergehend, Wandas Mann Gunnar, ein nomadisierender Schafhirte, der von einer Insel im Meer stammt.

Bei der Arbeit spintisiert sich Wanda Orakel zusammen: "Wenn ich keine Milch verschütte, wenn kein Haar in die Milch fällt, wenn kein Huhn in die Milch fällt, wenn die Milch nicht gerinnt" und so weiter - dann kommen all die Abwesenden zurück, bildet sie sich ein. Und weiss es doch besser: "Hat man einmal angefangen fortzugehen, kann man von dort nie mehr zurück."

Verzauberung kontra Verlässlichkeit

Wandas Welt hat etwas verwunschenes, ist voller Zeichen, Omen und Seelentiere. Etwa in der Mitte des 100-seitigen Romans beispielsweise erzählt die Wirtin die Entstehungslegende des Orts: Am Anfang war nur ein Baum in der Ödnis. Hinzu kam eine Frau, die von Abschied und Einsamkeit sang. Das lockte einen Mann an, der fasziniert lauschte.

Nachdem die Fremde wieder verschwunden war, begann der Mann, das Land rund um den Baum urbar zu machen, denn wenn der Garten nur schön genug wäre, dann käme sie vielleicht zurück. Sie kam nicht, dafür eine andere, die zwar nicht singen konnte, aber beim Mann blieb. Und so entstand das Dorf.

Wohlige Melancholie

Die Motive aus dieser Legende kehren in verschiedenen Konstellationen im Leben der Figuren wieder: Sesshaftigkeit und Fernweh, Träumen und Handeln, die Sehnsucht wahren oder ihr nachgeben - und immer wieder das Nichtgelingen von Liebe, wenn das Mass an Fernweh bei den Beteiligten nicht deckungsgleich ist.

Traurig ist das nicht, vielmehr schwebt über dem Ganzen eine wohlige Melancholie. Auch wenn Wanda nicht in der Welt herumgekommen ist und keine Karriere gemacht hat, wirkt sie doch aufgehoben in ihrer verwunschenen Welt. Eine Art stille Rebellin gegen den Selbstoptimierungs-Imperativ.

Noëmi Lerch: "Grit", Roman, verlag die brotsuppe 2017, 100 Seiten, 24 Franken (UVP)
(31.5.2017 © sda/sfd)



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