"JAKOB VON GUNTEN" IN DER SCHIFFBAU-BOX

Erziehung zur "kugelrunden Null"
Von Roland Maurer, sfd

Robert Walsers "Jakob von Gunten" (1909) passt mit seiner Opposition gegen effekthascherisches Effizienz- und Optimismusgegröle bestens in unsere Zeit. Barbara Frey hat den Roman im Schiffbau/Box inszeniert. Premiere war am Samstag.

"Die Welt dreht sich seit einiger Zeit um Geld, nicht um Geschichte." Was für ein Satz! Er könnte Donald Trumps Zeiten charakterisieren. Nur: der ihn spricht, ist Kraus, einer der Zöglinge in der Berliner Dienerschule Benjamenta. Vor mehr als hundert Jahren.

Diese Schule ist das Zentrum in Robert Walsers Tagebuchroman "Jakob von Gunten". Ein nach hinten sich verengender Raum, hohe Wände, irgendwie muffig-klaustrophobisch (Bühne und Kostüme: Bettina Meyer). Nur ein Fenster ganz hinten lässt den Lärm der Grossstadt eindringen; und einige Türen lassen erahnen, dass hinter diesen Mauern eine andere, grausam-tüchtige Welt tobt.

Nichts Nützliches

Doch diese dringt kaum in die Schule. Denn dort wird unter dem Vorsteher Benjamenta und seiner Schwester nichts Praktisch-Nützliches gelehrt, sondern vielmehr in einem weiten Gedankenmeer geschwommen; dazu vermittelt Fräulein Benjamenta repetitiv "gutes Betragen", denn nur so entstehe ein "blühender Garten."

Darum ist sich Jakob von Gunten, der Tagebuch führende Zögling, auch sicher: "Ich werde eine reizende kugelrunde Null im späteren Leben sein." Am Schluss zieht er mit Herrn Benjamenta in die Wüste. Fräulein Benjamenta, die nie die Liebe kannte, ist verstorben, die andern Zöglinge sind ausgeflogen. Das ist doch eine beachtenswert nachhaltige Parodie Walsers auf eine bis heute grassierende Business- und Profitorientierungsgeilheit.

Brillante Schauspieler

Robert Walsers Text ist derart stark und von so ironischer, ja bissiger, jegliche geschäftige Effizienz zersetzenden Kraft, dass Barbara Freys Inszenierungsansatz absolut einleuchtet: Sie belässt das Geschehen und die Atmosphäre in Walsers Zeit und verzichtet auf eine (immerhin auch denkbare) Aktualisierung ins Heute.

Dafür arbeitet sie bis in kleinste Nuancen fein mit ihren grossartigen Schauspielern: Michael Maertens verkörpert den Jakob geradezu kongenial; Hans Kremer gibt sowohl den zusammengeschrumpften Zögling Kramer wie (in toller Verwandlung) den zum Riesen aufgeblasenen Herrn Benjamenta ganz wunderbar. Stefan Kurt brilliert als Zögling Fuchs ebenso wie in engstem Kleid und Perücke herumtrippelnd als Fräulein Benjamenta.

Und Iñigo Giner Miranda spielt die sinnig ausgewählte Musik (von Ravel über die Beatles bis zu Amy Winehouse) herrlich auf dem Klavier und der Celesta. Das Publikum bedankte sich mit grossem und warmem Applaus.
(21.5.2017 © sda/sfd)



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