JENS STEINER: "MEIN LEBEN ALS HOFFNUNGSTRÄGER"

Zugleich heitere wie tiefgründige Fabel
Von Irene Widmer, sfd

2013 erhielt Jens Steiner für "Carambole" den Schweizer Buchpreis. Mit "Mein Leben als Hoffnungsträger" legt er nur seinen vierten Roman vor: eine zugleich heitere wie tiefgründige Fabel über einen, der nach nichts strebt, weil er weiss, dass man mit Ehrgeiz oft andere verletzt.

Philipp ist ein Glücksritter, Fortuna legt ihm scheinbar alles in den Schoss: eine schöne Freundin voller Esprit, eine Blockwohnung, für die er sich nie beworben hat und einen Job, in dem er von Beginn an vom Chef nicht nur gefördert, sondern als "Hoffnungsträger", "Leitstern" und "Leuchtfeuer meiner Tage" gepriesen wird. Fehlt nur noch der Begriff "Messias".

Dabei hat Philipp keine grossen Fähigkeiten, mal abgesehen davon, dass er vier Tüten M&Ms verdrücken kann, ohne dass ihm schlecht wird. Und dass er jedes Gerät auseinandernehmen und ohne Bauplan wieder zusammensetzen kann. Und dass er im Hinblick auf Unterhaltung so genügsam ist, dass es ihm reicht, dem Gemüse beim Wachsen zuzusehen.

Nach mehreren Zwischenjahren und einer abgebrochenen Lehre ist Philipp "allein mit diesem Leben, das einem alles Mögliche verspricht und sich dann ins Fäustchen lacht". Er sammelt "Hosentaschenerfahrungen" und seine Gedanken sind dabei "so schlank und agil wie junge Sardinen".

Wie für die Müllverwertung vorherbestimmt

Da wird er vom Chef des örtlichen Recyclinghofs quasi auf der Strasse "entdeckt". Dieser Uwe Löhlein erkennt sogleich Philipps Potenzial: Denn der Junge leidet seit Kindsbeinen an Putzfimmel sowie Sammel- und Ordnungswut - perfekt fürs Recycling-Business. Seine Ordnungsliebe hat ihn bereits das WG-Zimmer gekostet, weil sich die Mitbewohner von ihm "unter Druck" gesetzt fühlten.

Gegenüber seinem aus Deutschland stammenden "Mentor" Uwe stellt Philipp von vorneherein klar, dass er niemanden unter Druck setzen will. Diese Gefahr besteht auf dem Recyclinghof auch kaum. Denn der Rest der Belegschaft besteht aus zwei Portugiesen, die ihr je eigenes Ding durchziehen.

Arturo scheint nur dazu da, um zu verhindern, dass der Besen umfällt. Und João - von Uwe liebevoll "Schau" genannt, denn drei Vokale nacheinander schafft er nicht - der Schau mit seinem drolligen Akzent hat seine eigene Philosophie und recycliert etwas anders als vom Abfallgesetz vorgesehen.

Als Schau mit seinen Machenschaften unter Druck gerät, wird die Entsorgungs-Schrumpfkolonne samt zugewandten Kreisen zusammengeschweisst, was ein hübsches Happy-End ergibt.

Zwischen Rousseaus "Emile" und dem Erlöser

Dabei widerspricht Geschäftemachen à la Schau eigentlich Philipps Lebensanschauung: Der Wettbewerb ist die Wurzel aller Niedertracht, sagt er und dass jedes Geschäft die Weltherrschaft anstrebe. Wo andere zwischen Stressjob, Weiterbildung, Shopping und Entsorgung hin und her hetzen, verweigert sich Philipp dieser Form der Selbstoptimierung. Seinen Lebenssinn findet er am Schluss dennoch: Er will sein eigener Mentor sein und den Bäumen beim Wachsen helfen.

"Mein Leben als Hoffnungsträger" erinnert wohl nicht zufällig etwas an Rousseaus "Emile". Aber gewagter noch als dieser Bezug ist jener zum Messias, dem endzeitlichen Heilsbringer. Das beginnt schon mit dem ersten Satz: "Gleich geht die Welt unter" - gemeint ist das garstige Wetter. Auch der Erzählzeitraum scheint auf den biblischen Messias zu verweisen: Er reicht von Weihnachten - Christi Geburt - bis zu Ostern - Auferstehung.

"Mein Leben als Hoffnungsträger" ist eine leichtverständliche, heitere Geschichte, die mehrfach unterkellert ist. Manche Querverweise sind deutlicher - etwa der Bezug zu Richard Brautigans Endzeit-Roman "In Wassermelonen Zucker" - andere versteckter. Vergnügen macht das Lesen auf jeder Etage.

Jens Steiner: "Mein Leben als Hoffnungsträger". Roman, Arche Verlag 2017, 192 Seiten, Fr. 26.90 (UVP)
(3.8.2017 © sda/sfd)



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