JUDITH KELLER: “DIE FRAGWÜRDIGEN”

Nicht weit hergeholt
Von Beat Mazenauer, sfd

Denken wir an alles, wenn wir ans All denken? Solche und ähnliche Fragen stellt die 1985 geborene Judith Keller in ihrem Prosadebüt "Die Fragwürdigen". Der Band umfasst rund 60 Erzählungen, deren Umfang zwischen einer Zeile und zehn Seiten schwankt.

Im Alltag benutzen wir gerne Worte, über deren eigentliche Bedeutung wir uns kaum mehr Rechenschaft ablegen. Wir gehen einer Arbeit nach und meinen, wir haben eine Arbeit. Doch wir gehen ihr nach, weil sie uns vorausgeht. Oder weil wir sie einfangen wollen, um überhaupt eine Arbeit zu haben.

Worte verraten uns etwas über unsere Beziehung zu den Dingen. Davon erzählt der Band "Die Fragwürdigen". Schon im Titel stecken listig zwei Lesarten. Wer ist einer Frage würdig, und wer zieht nur die scheelen Blicke beispielsweise aus einem vorbeifahrenden Polizeiauto auf sich?

Wortwörtlichkeit

Die Autorin liebt das Spiel mit der oft doppelsinnigen Wortwörtlichkeit der Worte. Mal klingt diese mit Sprachwitz pedantisch lächerlich, mal bleibt darob das Lachen im Halse stecken. Etwa in "Ohne Papiere": "Esperance ist vor ein paar Jahren in einem Boot übers Meer geflohen. Sie ist nicht ertrunken. Aber sie lebt jetzt untergetaucht."

Zwei Wortwelten prallen hier jäh aufeinander. Mit einer minimalen Bedeutungsverschiebung verkehrt sich das glückhafte Überleben in eine neuerliche, administrative Gefährdung. Auf solche Weise lässt die Autorin ihre Leser und Leserinnen immer wieder in kleinere und grössere Sprachfallen tappen.

Aufgehoben und entrückt

Gut aufgehoben fühlt sich Albertine wie hochgehoben und zugleich wie entwertet. Sie glaubt zu spüren, wie sie den Boden unter den Füssen verliert. Judith Kellers Texte erzählen minimale Geschichten, die stets ihren Eigensinn und ihre Unversöhnlichkeit bewahren. Albertine wird ratlos von guten Menschen umringt. Mehr erfahren wir nicht.

So gelingen Skizzen und Miniaturen, die hinter der vordergründigen Ernsthaftigkeit kaum das spitze Lachen der Autorin verbergen können. In den kürzesten, oft nur ein oder zwei Zeilen umfassenden Texten kommt dies am ausgeprägtesten zum Vorschein. Ein Quäntchen Absurdität schwingt mit.

Gespür für Stimmungen

Es wäre aber falsch, von diesen Geschichten nur Kalauer und Wortwitz zu erwarten. Der Band enthält auch einige längere Texte, in denen Judith Keller ein feines Gespür für Stimmungen und präzise Beobachtung beweist.

Beispielsweise im zartbitteren "Eine lange Nacht". Sie beschreibt, wie eine Tochter am Bett ihrer sterbenden Mutter sitzt. Ob dem Warten oder bloss ob der eigenen Müdigkeit wird ihr schlecht, sie bekommt Bauchkrämpfe und wird nun ihrerseits von der gebrechlichen Mutter getröstet.

Die Mutter stirbt nicht, deshalb wird die Erwartung der Tochter enttäuscht. Doch braucht sich die Mutter nun zu schämen? Feine Ironie und bitterer Ernst gelangen hier zur Deckung.

In solcher Enttäuschung liegt ein Witz versteckt, den Judith Keller mit beinah sturer Gründlichkeit auskostet und ihm dennoch etwas zart Traumhaftes verleiht. Jede der sieben örtlich bezeichneten Abteilungen wird von einer fortlaufenden Geschichte abgeschlossen: als Höhepunkt der Enttäuschung. "Eine weit hergeholte Frau“ geht vom Bucheggplatz quer durch die Stadt bis zur Sukkulentensammlung, in ständiger Erwartung "der höchsten Zeit". Mehr nicht, schon gar kein Meer. Aber auch nicht weniger.

Judith Keller: "Die Fragwürdigen". Geschichten. Der gesunde Menschenversand, Luzern 2017. 148 Seiten 23 Franken (UVP).
(4.10.2017 © sda/sfd)



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