MARIE-JEANNE URECHS ROMAN "SCHNITZ"

Schnitz und Pommes
Von Beat Mazenauer, sfd

Marie-Jeanne Urech liebt es, schauerlich schräge Geschichten zu erzählen. In ihrem Roman "Schnitz" entwirft sie eine Welt, die absurd fremd anmutet und dennoch einen realen Kern offenbart. Das Buch ist 2010 auf Französisch erschienen und von Lis Künzli jetzt ins Deutsche übertragen worden.

Wer sagt denn, Märchen gingen gut aus? Zwar mag die Hexe krepieren, ihr folgt gleich wieder eine neue. In dem Sinn trügt auch das versöhnliche Ende, das uns Marie-Jeanne Urech vorträgt. Dass das Heil ausgerechnet in einem Pommes-Frites-Automaten liegt, bezeugt nur den skurrilen Witz dieser Autorin.

"Schnitz" (im Original "Les valets de nuit") erzählt von der Familie Kummer (alias Chagrin), die sich gegen ihre Enteignung zur Wehr setzt. Mit mehreren Jobs rund um die Uhr kommt sie kaum über die Runden. Allwöchentlich klopft eine schwarze Missgestalt an ihre Tür, um für die Herrschaft in den Glastürmen die stetig steigenden Zinsen einzufordern.

Betörender Gesang

Speziell die beiden Kinder Zobeline und Yapaklu leiden. Der Schulbus hält längst nicht mehr in ihrem Quartier. Deshalb treiben sie sich herum und entdecken dabei einen wunderbaren Pommes-Frites-Automaten.

Mit zum Haushalt gehört auch Philanthropie, ein Wesen von bizarren Ausmassen. Eingepackt in weich verfliessende Speckschichten thront sie auf ihrem Sofa und verspeist zarte Millefeuilles, oder "Schnitz", wie sie hier heissen.

Tagsüber bleibt sie stumm, abends aber betört sie regelmässig die herbeiströmenden Zuhörer mit ihrem Gesang. Ein kleiner Trost in einer winterlich klirrenden Welt, über der das rote Licht zuoberst auf den Glastürmen blinkt.

Philanthropie sträubt sich

Philanthropie ist eine Belastung, die sich die Familie Kummer aller Not zum Trotz gönnt. Als schliesslich die Handlanger der Glastürme doch das Haus räumen, sträubt sie sich hartnäckig. Philanthropie ist nicht vom Sofa wegzuheben.

Vielsagende Namen und symbolische Handlungen gehen in "Schnitz" eine komische, zugleich rabenschwarze Verbindung ein, die leicht an Meister des Grotesken wie Charms oder Kafka denken lässt.

Doch Marie-Jeanne Urech treibt mit solchen Verweisen nur ihr luftiges Spiel. Sie präsentiert ein eigenständiges modernes Märchen, das sich ebenso schalkhaft wie sarkastisch um das reale Problem der Wohnungsnot dreht, wie wir es aus Spanien oder Griechenland kennen.

Pommes-Frites-Paradies

Marie-Jeanne Urech hat ein einzigartiges Faible für krumme Geschichten und schiefe Metaphern. Einfach freilich macht sie es uns damit nicht. Ihre Geschichten behalten stets einen Überschuss an abgründigem Witz, der nie ganz in einer schlüssigen Deutung aufgeht.

So tritt am Ende des Buches der erwähnte Pommes-Frites-Automat in Aktion, "während der Nordwind Menschen an goldenen Fallschirmen in neue Territorien blies, wie Sporen, bereit, sich zu vermehren, wenn der Frühling kam."

Ein böses Märchen

Das ist so unaufdringlich politisch wie überschäumend märchenhaft erzählt. Gerade darin bezeugt diese Autorin, wie schon in früheren Büchern, ihre umstürzlerische Fabulierlust. "Schnitz" verspricht eine Parabel voll dunkler Anspielungen, die ihr Rätsel behält.

Im Traum aber streift die Familie Kummer ein heller Lichtstrahl der Erkenntnis, als auf einmal die Lichter in den Glastürmen verlöschen. "Es ist kein Stromausfall, der den Menschen in Dunkelheit hüllt", flüstert ihnen ein netter "Schwarzer Mann" zu, "sondern ein Mangel an Klarsicht". Schön wär's.

Marie-Jeanne Urech: "Schnitz. Roman". Aus dem Französischen von Lis Künzli. Bilger Verlag, Zürich 2017. 148 Seiten, 24 Franken (UVP).
(19.4.2017 © sda/sfd)



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