MATTHIAS ZSCHOKKES "EIN SOMMER MIT PROUST"

Ein verlorener Sommer?
Von Beat Mazenauer, sfd

Es gibt Bücher, die muss man einfach gelesen haben. So schreibt es der Kanon vor. Matthias Zschokke hat sich ein solches Buch vorgenommen. Einen Sommer lang las er Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit". Die Lektüre hinterliess bei ihm zwiespältige Gefühle.

Der Literaturbetrieb alter Schule liebt es noch immer, mit dem Kanon auf die Spatzen der reinen Leselust zu schiessen. Es muss gelesen werden, was sich ziemt, nicht was gefällt. Auch Matthias Zschokke hat sich davon anstecken lassen. Jahrelang verdrückte er sich, wenn die Rede auf Marcel Proust kam. Damit sollte es ein Ende haben.

Es liesse sich denken, dass Zschokke ein Faible für den französischen Ästheten entwickeln könnte. Andererseits hat er schon 2014 in "Die strengen Frauen von Rosa Salva" seine Missbilligung geäussert und Prousts Werk unbesehen als "Bibel für angehende Führungskräfte" bezeichnet.

Tapfer und willig hat er sich also eine Auszeit genommen, um sich durch das siebenbändige Opus magnum zu lesen. Parallel dazu hat er Briefe und Mails an Freunde geschrieben, die er um Tipps angeht oder denen er seine Leseeindrücke mitteilt. In "Ein Sommer mit Proust" sind sie versammelt.

Ein anstrengendes Vorhaben

Es zeichnet sich schnell ab, dass das Vorhaben für Zschokke nicht nur ein gewaltiges Stück Arbeit, sondern auch ein emotionales Auf und Ab bedeutet. Die skeptische Stimmung zu Beginn weicht allmählich einer steigenden Sympathie für die stilistische Perfektion und grandiose Detailgenauigkeit.

Zschokke bleibt interessiert und wachsam. Ein befreundeter Proust-Spezialist vermag ihm Finessen zu vermitteln, die ihn überzeugen. Dennoch wächst mit Fortdauer der Lektüre auch eine Wut über das "absatzlose Endlosgelaber".

Es mag dahin gestellt sein, ob Matthias Zschokke das Werk von Marcel Proust gebührend wertzuschätzen weiss. Sein Urteil nimmt immer unverblümter polemische Züge an. Spannend daran bleibt aber, dass viele seiner Einwände durchaus berechtigt sind.

Ihm widerstrebt beispielsweise Prousts "blinder Glaube an die alteingesessenen Hierarchien". Speziell ärgert ihn, "dass auch wir Leser von dieser Sucht angesteckt werden" und im Sog der Lektüre unhinterfragt dem "Who-is-who der damaligen Hautevolee" huldigen. Dieser Ärger mindert schliesslich auch die unverhohlene Bewunderung für den blendenden Stilisten.

Befreiung durch Polemik

Noch mehr reibt sich Zschokke aber an der unendlichen Selbstverliebtheit des "Empfindungslegasthenikers" Proust, die zum "Wahnsinnig-Werden" sei. Positiv vermerkt er lediglich, dass diese Lektüre hilft, "um allergisch zu werden gegen die vielen kleinen Prousts, die einem im täglichen Leben begegnen".

Matthias Zschokke hat sich schwer getan mit seinem Vorhaben. Daran lässt seine mit Witz gepfefferte Auseinandersetzung keinen Zweifel. Ob man mit ihm einig gehen will, bleibt Ansichtssache. Wer aber selbst leise Zweifel gegenüber der kanonischen Lektürepflicht hegt, darf sich hier bestätigt fühlen. Matthias Zschokke allerdings kann nun mitreden. Er tut es mit entwaffnender Offenheit.

Matthias Zschokke: "Ein Sommer mit Proust". Wallstein Verlag, Göttingen 2017. 64 Seiten, 18.90 Franken (UVP).
(30.7.2017 © sda/sfd)



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