"MEET ME" AM JUNGEN SCHAUSPIELHAUS IN ZÜRICH

Anziehung und Abstossung in extremen Lebenssituationen
Von Karl Wüst, sfd

Als erste Schweizer Bühne inszeniert das Junge Schauspielhaus in Zürich "Meet Me" von Liv Heløe. Das Stück in Deutsch und Englisch eignet sich für Jugendliche ab 13 Jahren. Die Premiere am Donnerstag war eine Wucht.

"Don't lie! Lüge nicht!", La'ila (Tabea Buser) schreit es Shaya (Josef Mohamed) ins Gesicht, trommelt ihm voller Wut auf die Brust. Wenig später schiebt sie ihre Wähe ganz sachte in seine Richtung. Hol sie dir, deutet sie liebevoll an. Es ist an dir, dein Leben zu gestalten.

Hart ins Gericht geht La'ila mit Shaya zu Beginn ihrer Beziehung. "You look like shit. Du siehst aus wie Scheisse." Das sagt sie herausfordernd und lächelt dabei voller Zuneigung. "I want you to shape up. Mach was aus dir. You have no chance if you don’t change. Du hast keine Chance, wenn du dich nicht veränderst."

Regisseur Enrico Beeler zeigt mit dem tollen Ensemble in jeder Szene, wie nahe Anziehung und Abstossung in extremen Lebenssituationen beieinander liegen können. Wie nahe auch Glück und Verzweiflung, Traum und Wirklichkeit, Mut und Angst, Hoffnung und Resignation.

Schwieriges Leben nach der Flucht

Das 2013 uraufgeführte preisgekrönte Stück "Meet Me" der norwegischen Autorin Liv Heløe ist für diese Theaterkunst hervorragender Stoff. Es erzählt die Geschichte von drei Jugendlichen, die nach Norwegen geflüchtet sind.

Während La'ila eine Anstellung als Putzfrau bekommen hat und hier Aufnahme findet, leben Shaya und sein Freund Feda (Robert Baranowski) in einer Flüchtlingsunterkunft. Ihr Schicksal ist ungewiss, denn sie müssen mit der Abschiebung rechnen.

Wenn Shaya am Schluss des eindringlichen Stücks trotzig sagt: "Wir bleiben hier. Wir werden nirgendwo anders hingehen", dann ist das kaum mehr als ein Hoffnungsschimmer. Das aber immerhin.

Ambivalenz der Gefühle

Guten Grund, hier bleiben zu wollen, hat er. La'ila ist schwanger von ihm. Was für ein Glück, was für eine Heraus- und Überforderung für diesen jungen Mann ohne Perspektive auf ein gesichertes Leben. Tabea Buser und Josef Mohamed spielen die Ambivalenz der Gefühle in dieser schwierigen Situation mit Leichtigkeit und Ernsthaftigkeit zugleich.

Ebenso überzeugend gespielt ist die Freundschaft zwischen Shaya und dem unternehmungslustigen und schlitzohrigen Feda. Bisweilen sitzen die beiden in ihren ausgebeulten Klamotten (Kostüme: Cornelia Koch) eng zusammen, geben sich Trost, bisweilen attackieren sie sich hart. Wenn sich Feda aber Shayas Mütze aufsetzt, und das tut er immer wieder, gibt er zu verstehen, dass die Bande intakt sind.

Im Mittelpunkt der 90-minütigen Inszenierung steht das Spiel. Die Bühne von Marc Totzke ist entsprechend schlicht. Sie besteht aus zwei Quadern und einer Bühne auf der Bühne, einer Plattform, worauf Feda zu Beginn die Zimmer der Flüchtlingsunterkunft zeichnet.

Eine wichtige Rolle spielt auch der Musiker Dominik Blumer, der den Abend mit E-Gitarre, Mandoline und wummernden Bässen atmosphärisch anreichert.
(17.11.2017 © sda/sfd)



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