OERTLI-STIFTUNG FEIERT 50. GEBURTSTAG

Im Sinne der Verständigung
Von Karl Wüst, sfd

Mit einem Festakt am 7. Mai in Rapperswil SG eröffnet die Oertli-Stiftung die Feiern zu ihrem 50-jährigen Bestehen. Mit jährlich 500'000 Franken fördert die Stiftung die sprachliche Verständigung in der Schweiz.

Der Zürcher Industrielle Walter Oertli (1901-1980) hat seine Firma Ing. W. Oertli AG in Dübendorf 1967 verkauft und mit seiner Frau die "Walter und Ambrosina Oertli-Stiftung" gegründet, um den Zusammenhalt der Sprachregionen zu fördern. Jährlich prüft der Stiftungsrat rund 500 Gesuche. Zwischen 200 und 250 dieser Projekte entsprechen jeweils dem Förderziel und werden mit bis zu 5000 Franken unterstützt.

Daneben vergibt die Stiftung den Oertli-Preis. Der bisher letzte ging 2016 an die Linguistin Claudine Brohy und an die Übersetzerin Ursula Gaillard. Schliesslich werden seit 1998 sporadisch Institutionen und Sprachprojekte mit einem Förderpreis unterstützt.

Drei Jubiläumsprojekte

Zu ihrem Jubiläum hat die Oertli-Stiftung drei Kulturprojekte lanciert. Im Mittelpunkt stehen die Landessprachen, zum Zug kommt aber auch die ganze Sprachenvielfalt in der Schweiz. Denn das übergreifende Thema ist "die mehrsprachige Schweiz".

Diese Öffnung zeigt sich im ersten Projekt "Reisen zwischen den Sprachen", wie Stiftungspräsident Karl Vögeli dem Feuilleton-Dienst erklärt. In Rapperswil-Jona SG, Sagliains GR, Faido TI, Sion-Sierre VS, Nyon VD und Biel BE entstehen nach dem Konzept des Grafikdesigners Ruedi Baur und in Zusammenarbeit mit den Gemeinden visuelle Installationen, die auf die Sprachenvielfalt hinweisen.

Zwischen Sion und Sierre zum Beispiel prallen Sprachen auf talquerenden Brücken aufeinander und tauschen sich aus, während in Biel Schülerinnen und Schüler ihr Schulhaus in den 30 Sprachen beschriften, die dort die Kommunikation befeuern.

60 beschriebene Bänke

Mit einer Vernissage in Rapperswil-Jona findet am 7. Mai der - so Vögeli - offizielle Auftakt von "Reisen zwischen den Sprachen" statt. Hier hat Ruedi Baur dem Schweizer Schriftsteller und Zeichentheoretiker André Vladimir Heiz das Zepter übergeben.

Dessen grafische Installation besteht aus einer mehrsprachig beschrifteten Mauer beim Fischmarktplatz und aus 60 roten Bänken, die, über das Gemeindegebiet verteilt, zum Verweilen einladen. Wer den Parcours unter die Füsse nimmt, braucht dafür rund zweieinhalb Stunden.

Das Besondere: Heiz hat die Bänke von Kalligrafen beschriften lassen. Entstanden sind 60 unterschiedliche Textkörper. "Jede Bank ist etwas anderes, eine Persönlichkeit", betont er im Gespräch.

Texte verschiedener Autoren

Gefunden und ausgewählt hat Heiz die Texte in Büchern, aber auch "auf der Strasse", als er mit Leuten in Rapperswil gesprochen hat, mit Bruder Adrian im Kapuzinerkloster oder mit Jonathan, dem Besitzer eines Tattoo-Studios. Texte beigesteuert haben Heiz selber, andere Kulturschaffende, Schriftsteller oder sogar Schulklassen.

Persönlichkeiten haben Namen, so auch die Bänke. "Liebe, Du" heisst eine oben neben dem Schloss, worauf die weltliche Liebe einer Lehrerin mit der göttlichen Liebe einer Dichterin in einen berührenden Dialog tritt. "Prends-moi, serre-moi, touche-moi", schreibt die Lehrerin, die Dichterin aber "Lass mich umhüllt sein von Licht und Wärme".

Unterwegs, auf der Bank "Sprachen", steht: "Désolé, ce n'est pas ma langue!" Dieser Ausruf entfährt einem auf dieser Reise immer wieder. Auf der gleichen Bank aber lesen wir auch: "Vamos hablar - Sprechen wir miteinander". Und schliesslich die Frage: "Wie schreibt man eine Sprache, die man nicht versteht?".

Die Texte überraschen, machen neugierig, nachdenklich oder lassen kalt. Das liegt alles drin, auch für Heiz. Er freut sich, wenn die Texte etwas bewirken. "Ein Message aber habe ich nicht", betont er.

Buch und CD

Am 14. September stellt die Oertli-Stiftung in Bern anlässlich der zentralen Jubiläumsveranstaltung die zwei anderen Jubiläumsprojekte vor. Zum einen erscheint das viersprachige Buch "E ti, come sprichst du suisse?". Es enthält Texte von jungen Erwachsenen zwischen 16 und 21 Jahren zum Thema viersprachige Schweiz. Entstanden sind sie im Schreibwettbewerb Linguissimo des Forums Helveticum in Lenzburg AG.

Zum anderen wird dem Buch die CD "SpraCHklang" beigelegt. Sie enthält Hörstücke von vier Schweizer Komponisten aus den vier Landesteilen. Produziert wird die CD im Auftrag der Oertli-Stiftung vom Verein "Zuhören" in Basel.

Vernissage "Reisen zwischen den Sprachen" in Rapperswil: 7. Mai, Fischmarktplatz (11.30 Uhr). Weitere Informationen: www.oertlistiftung.ch.
(10.4.2017 © sda/sfd)



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