OPERNHAUS ZÜRICH: "DAS LAND DES LÄCHELNS"

Reichlich Ohrwürmer
Von Bruno Rauch, sfd

Zum Abschluss der Spielzeit zeigt das Opernhaus Zürich Franz Lehárs Operette "Das Land des Lächelns". Zu lächeln gibts wenig, dafür reichlich Ohrwürmer.

Operette fristet am Zürcher Opernhaus ein Stiefkind-Dasein. Die paar wenigen Ausnahmen - Lehárs "Lustige Witwe" und Strauss’ "Fledermaus", die auch innerhalb des Genres eine Sonderstellung einnimmt - bestätigen die Regel.

Jetzt haben Intendant Andreas Homoki und Generalmusikdirektor Fabio Luisi die Operette zur Chefsache erklärt, und zwar mit Lehárs "Das Land des Lächelns". Das 1929 uraufgeführte Werk wurde rasch ein Welterfolg, der an deutschen Bühnen bis heute gespielt wird.

Lisa, eine höhere Tochter aus Wien verliebt sich in Prinz Sou-Chong, der als chinesischer Gesandter in der Donaustadt weilt. Sie schlägt die Avancen ihres Verehrers Gustl aus und folgt dem Prinzen ins ferne Land, als dieser nach Peking zurückberufen wird.

Doch bald erkennt sie, dass beider Welten letztlich unvereinbar sind und selbst Liebe den Cultural Clash nicht überwinden kann. Auch der nachgereiste Gustl und Mi, die Schwester des Prinzen, müssen Gleiches erfahren. Abschied und - ungewöhnlich für eine Operette! - Unhappy End.

Alles gut, und doch...

Die Story ist gut und in Zeiten der Globalisierung absolut plausibel: Die Thematik des Zusammenpralls verschiedener Ethnien hat nichts an Brisanz eingebüsst und bedarf keiner Aktualisierung. Was Homoki klug vermeidet.

Die Musik ist gut, verrät sie doch durchs Band den versierten Bühnenkomponisten: Filmmusik im besten Sinn des Worts mit einem tüchtigen Schuss Puccini - farbig und stets auf äusseren Glanz bedacht. Pentatonik, Templeblocks, Gong und Vokalisen evozieren domestizierte Exotik, gepaart mit eingängigem Wiener Schmiss, der sich mitunter gar zur grossen Oper aufbläht.

Ansonsten bleibt Lehárs Musik weitgehend an der glatten Oberfläche; Gefühle werden nicht entwickelt und sondiert, sondern wie Schlager gefällig ausgestellt. Davon zeugen die zahlreichen Ohrwürmer, die sich geradewegs im Gehörgang einnisten und dort durch (zu) zahlreiche Wiederholungen zementiert werden.

Bereits die Ouvertüre bringt ein Potpourri aller Zugstücke; Homoki lässt dazu die zwei unvereinbaren Paare auftreten, die sozusagen die ganze Geschichte mimisch durchspielen.

Das Bühnenbild (Wolfgang Gussmann) ist gut. Im Art-Déco-Rahmen ein schwarzer Vorhang mit goldner Quastenbordüre, der sich gefühlte zwanzig Mal öffnet und schliesst. Dahinter keine Chinoiserien, sondern ein abstrakter leerer Raum mit Rundhorizont, der je nach Stimmung musicalmässig ausgeleuchtet wird, dazu zwei geschwungene Showtreppen in immer wieder neuer Position und im Vordergrund zwei Chesterfield-Sessel. Gepflegt, hochästhetisch, unverbindlich.

Psychologische Ausdeutung

Gut ist Homokis Revue-Theater, das bewusst Distanz zum Geschehen sucht. Text und Personal sind rigoros gestrafft und reduziert zugunsten einer psychologischen Ausdeutung. Doch bieten weder Handlung noch Partitur entsprechende Ansatzpunkte.

Faszination und später Entzauberung des Fremden bleiben Behauptung; Heimatverlust, Trennungsschmerz sind dekorativ. Die schallende Ohrfeige, die Lisa dem Prinzen verpasst, ist zwar gut platziert, doch geht ihr kein sichtlicher Gefühlsstau voran. Das im Programmheft angekündigte Augenzwinkern sucht man vergebens.

Gut auch die musikalische Interpretation. Fabio Luisi und die Philharmonia Zürich setzen auf sinnlicher Pracht. Vollmundig werden die instrumentalen Raffinessen zum Funkeln und Leuchten gebracht: ein opulenter Klangteppich, der da und dort noch etwas gelichtet werden müsste, um den Sängern genügend Raum zu lassen.

Neben dem präzis singenden und fächelnden Chor bezaubert Rebeca Olvera als Prinzessin Mi mit charmantem Soubretten-Silberklang. Julia Kleiters Lisa ist eine stimmlich und optisch recht spröde junge Frau, die weiss, was sie will - vorzugsweise in der hohen Lage. Spencer Lang als Gustl mit tenoralem Schmelz darf ab und zu für nettes Schmunzeln sorgen.

Reich an Hit-Kalorien

Überzeugend ist Piotr Beczala. Mit seinem agilen, aber kräftigen Tenor ist er eine Idealbesetzung des faszinierenden Fremden. Seine Diktion ist makellos, die wenigen Operetten-Schluchzer geschmackvoll eingesetzt, die Spitzentöne und die Voix-mixte ebenso hinreissend wie die noble Erscheinung.

Alles gut also! Doch bleibt man als Zuschauer (was den Applaus nicht schmälert!) ziemlich unbeteiligt: ein Festmahl, reich an Hit-Kalorien, gut serviert, verführerisch. Zum Schluss fühlt man sich kaum gesättigt, genährt oder gar erfüllt. "Immer nur lächeln ... doch wies da drin (hinter dem polierten Chinalack) aussieht, geht niemand was an."
(19.6.2017 © sda/sfd)



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