OPERNHAUS ZÜRICH: "DER FEURIGE ENGEL"

Nichts für sensible Gemüter
Von Bruno Rauch, sfd

Calixto Bieito liest Sergej Prokofiews Oper "Der feurige Engel" als Missbrauchsgeschichte mit den bekannten traumatischen Folgen. Premiere war am Sonntag im Opernhaus Zürich.

"Ich bin ganz verspannt", stöhnt eine Zuschauerin nach dem zweistündigen Psycho-Cocktail. In der Tat ist Sergej Prokofjews Oper "Der feurige Engel" nach dem gleichnamigen Roman von Valerij Brjusow nichts für sensible Gemüter. Weder musikalisch noch inhaltlich. Jetzt - ein grosses Verdienst! - wird das epochale Werk erstmals dem Zürcher Publikum "zugemutet". Wobei, um es gleich festzuhalten, Regisseur Calixto Bieito, in Sachen drastischer Illustration nicht ans Limit geht, um die Psychose der Protagonistin darzustellen.

Primat der Musik

Dabei hätte die überhitzte Mixtur aus Sexualität und Exorzismus, obsessiver Hörigkeit und kollektiver Hysterie sehr wohl dazu verlocken können. Doch Bieito überlässt das Primat eindeutig der Musik. Diese entfaltet mit ihrer mitunter bruitistischen Rhythmik, mit exzessivem Hochton und grellen Orchesterfarben durchaus genügend Schlagkraft.

Gianandrea Noseda am Pult der Philharmonia Zürich weiss die Energien straff zu bündeln. Er spannt grosse Bögen, zeichnet scharf und kantig, lässt aber dazwischen geradezu zärtliche Momente aufleuchten. Selbst im orgiastischen Klangrausch bleibt dem exzellenten Sängerensemble Raum zur Entfaltung.

Dass die nie verheilte Verletzung der Protagonistin dennoch spürbar wird, verdankt sich der schonungslosen Verkörperung der Renata durch Ausrine Stundyte. Die litauische Sopranistin bewältigt die mörderisch Partie - sie steht praktisch immer im Zentrum - mit lodernder Intensität und lyrischer Strahlkraft, die den Atem stocken lassen.

Übergriff und Ausgrenzung

Renata, so erzählt sie, wurde als Kind von der Wahnvorstellung eines feurigen Engels namens Madiel heimgesucht. Als sie sich als Halbwüchsige auch körperlich mit ihm vereinigen wollte, verschwand er und geistert fortan als Licht-Dämon durch ihre Sinne - die Psychologie bezeichnet das aus Kindsmissbrauch bekannte Phänomen als "Abspaltung".

Ob und wie ein Übergriff stattgefunden hat, ob er Ausdruck überhitzter Phantasie oder infamer Einflüsterung durch die Umwelt ist, lässt die Regie offen. Überhaupt bleibt vieles in dieser Inszenierung in der Schwebe. Starke, ungelöste Bilder - gleichsam Abbild des Unverständnisses von Renatas Umwelt angesichts der pathologischen Verstrickungen.

Später glaubt Renata im Grafen Heinrich die Inkarnation ihres jugendlichen Idols wiedergefunden zu haben. Doch auch dieser verschwindet nach einem Jahr spurlos.

Jetzt, zu Beginn der Oper, sehen wir Renata mit strubbeligem Kurzhaar und unterwegs mit ihrem Fahrrad, das offenbar eine Panne hat: Chiffre des Auf- und Ausbruchs aus einer beengenden, ihr feindlich gesinnten Welt?

Am Schluss, als sie sich in ihrer Seelennot ins Kloster zurückzieht, wo sie unter den Nonnen eine allgemeine Ekstase auslöst und von der Inquisition zum Feuertod verurteilt wird, geht das Fahrrad, Vehikel ihrer Vision, in Flammen auf.

Dazwischen liegen zwei Stunden immenser Anspannung. Ruprecht, ein fahrender Ritter - Leigh Melrose verleiht ihm berührendes Profil - ist auf Renata gestossen, hat sich in die rätselhafte Frau verliebt. Sie stösst ihn zurück, fordert aber gleichzeitig, dass er ihr bei der Suche nach Heinrich helfe. Im Duell mit diesem, dargestellt durch ein sinfonisches Zwischenspiel, wird Ruprecht verletzt. Er kann das Schicksal der Protagonistin nur noch stumm mitleiden.

Die Handlung, soviel ist klar, vollzieht sich nicht als linearer Fortgang, sondern als Kreisen um eine Obsession. Hierzu hat Rebecca Ringst eine suggestives Bühnenbild entworfen. Auf der Drehbühne gruppieren sich turmartige Metallgerüste zu einem Kubus, auf dessen Geschossen diverse Treppen, Schächte, Nischen und boxenartige Zimmer eingelassen sind.

Darunter ein Kinderzimmer, das in Renata offensichtlich traumatische Erinnerungen weckt, oder das Kabinett eines Gruselarztes. Jedenfalls ein abgründiges Bauwerk, weniger Behausung als vielmehr Seelenlabyrinth, in dem man sich leicht verirrt.

Nach 30-jähriger Tätigkeit am Opernhaus Zürich verabschiedet sich mit dieser, seiner 128sten Choreinstudierung Chordirektor Jürg Hämmerli von der Bühne. Er durfte im Anschluss an die Vorstellung einen riesigen Strauss und einen warmer Applaus entgegennehmen.
(8.5.2017 © sda/sfd)



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