OPERNHAUS ZÜRICH: "WERTHER" VON JULES MASSENET

Irrealis der Liebe
Von Bruno Rauch, sfd

Grossartige Sänger, ein schillerndes Orchester, eine mitunter enigmatische Regie - für Massenets "Werther" im Opernhaus Zürich gab es grossen Jubel und ein paar verschämte Buhrufe.

Ein wuchtiger d-Moll-Akkord des grossen Blechs steigt aus dem Orchestergraben. Abrupt wird er vom Samtklang der Streicher im Piano übernommen. Cornelius Meister am Pult der Philharmonia Zürich arbeitet das Spannungsgefälle mit hoher Präzision und gleichzeitig organisch fliessendem Duktus heraus. Er atmet mit den Sängern, lässt ihnen Raum, malt Farben, zeichnet Linien. Er lässt den Klang mächtig aufrauschen, um ihn gleich darauf ins subtilste Piano zurückzunehmen.

Solche unvermittelte, rasche dynamische Wechsel auf engstem Raum werden die Protagonisten durch den ganzen Abend begleiten: eruptive emotionale Wechselbäder! Aufwallen und Niederringen der Gefühle! Zärtlichkeit und Rigidität, mit der eben diese Gefühle der Konvention zuliebe unterdrückt werden.

Dies alles sind die Ingredienzien, die Goethes berühmten Briefroman von 1774 tauglich für die Opernbühne machen, auch wenn Jules Massenets Vertonung nach anfänglicher Akzeptanz der Wiener Uraufführung später in Deutschland als Sakrileg empfunden wurde und sich dort erst ab den 1970er Jahren ihren Platz im Repertoire eroberte.

Es dürfte nicht ganz leicht sein, der sentimentalischen "Sturm-und-Drang"-Tragödie szenisch beizukommen, ohne in den Kitsch abzugleiten; Kleinbürgertum, Familie-Idylle, Frömmigkeit, Mondnacht, Naturverklärung - alles wäre nur zu leicht griffbereit.

Innenschau

Tatjana Gürbaca hat einen verinnerlichten Ansatzpunkt gewählt. Dazu hat Bühnenbildner Klaus Grünberg einen Einheitsraum geschaffen, dessen Schlichtheit sich als raffiniert erweist: eine sich nach hinten perspektivisch verjüngende "Stube", getäfelt mit bleichem Holz, die ihrerseits in einen schwarzen Prospekt eingefügt ist - gleichsam eine (Puppen-)Bühne auf der Bühne.

Bieder und bedrohlich zugleich, bewacht von der Urne der verstorbenen Mutter (sie nahm Charlotte das Versprechen zur Ehe mit Albert ab) in einem hochgelegenen Schrein sowie dominiert von einer Pendeluhr: Die Zeit heilt, macht vergessen, aber sie kann auch Träume brutal vernichten.

An allen Ecken und Enden erschliessen sich Vertikos, Schubladen, Truhen, Türen und Fenster, was die scheinbar sichere Behaustheit als zwiespältig erscheinen lässt. So treten denn die Agierenden mitunter auch gar nicht immer "korrekt" durch die Tür ins Zimmer, sondern dringen von überall her ins Bild.

Opalisierende Ballone, aberwitzige Kostüme der Ballgesellschaft im Kontrast mit dem Vanillegelb der Kinderschar lassen die Szenerie ins Irreale kippen. Der sonntägliche Kirchgang wird zum skurrilen Altersnachmittag - quasi ein Zeitsprung der Kinderschar, die soeben noch ein Weihnachtslied eingeübt hatte.

Ein Aussenstehender

Alarmierend ist Werthers erster Auftritt, der buchstäblich von aussen auf die Bühne tritt. Später wird er in seinem Wahn einzelne Bodenbohlen herausreissen und sich so nicht nur ein symbolisches Grab schaffen. Er attackiert damit auch die bestehende Ordnung, bringt Charlottes Welt in Aufruhr, setzt das verschüttete Universum der Phantasie in Gang, die Projektion, die Utopie - wie etwa jener Silberfäden, die einmal die Liebenden umspinnen.

Von unbezwinglicher Wucht ist das Bild bei Werthers Tod, wenn sich alle Luken öffnen und den Blick auftun aufs gestirnte Universum und den langsam entschwindenden blauen Planeten.

Manches in dieser Inszenierung bleibt enigmatisch - und darf es auch! Sie lässt Raum für ein musikalisches Seelengemälde mit vier überzeugenden Protagonisten. Mélissa Petit gibt eine lebhafte, mitfühlende Schwester Sophie mit lichtem Sopran. Audun Iversen zeichnet einen anfänglich fürsorglichen Albert, der sich zunehmend verhärtet, bis er in latentem Sadismus, seiner Frau Lotte aufträgt, die verhängnisvolle Pistole Werther überbringen zu lassen.

Star mit Vorschusslorbeeren des Abend ist Juan Diego Flórez in der Titelrolle, der mit dieser Figur eine weitere Phase seiner Laufbahn begründet. Sein Werther besticht mit der in belcantistischen Rollen gereiften Eleganz und Leichtigkeit, hat aber zusätzliches Volumen und dunklere Farbnuancen gewonnen.

Anna Stéphany ist mit ihren facettenreichen Mezzosopran eine ideal jugendliche Charlotte von verhaltener Leidenschaft und erotischer Glut - die Oper könnte durchaus auch "Die Leiden der jungen Charlotte" heissen.
(3.4.2017 © sda/sfd)



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