DAS BARGAIOT - BERGELLER DIALEKT IM DURCHZUG

Das Bergell verbindet Nord und Süd. Das wirbelt auch die Sprachen durcheinander. Ein Augenschein.

Von Karl Wüst


Ein Kopf, vier Sprachen: Der Postautochauffeur hört Schweizer Radio DRS, seine Muttersprache ist Romanisch, und auf die Frage, wie er mit den Leuten im Bergell rede, sagt er: "Natürlich italienisch." Nicht den Dialekt Bargaiot? Die Antwort kommt beinahe ungehalten: "Das ist doch etwa das Gleiche." Dann schweigt er und nimmt routiniert die ersten Haarnadelkurven. Die Strasse ist berühmt. In siebzehn Kehren stürzt sie von Maloja zweihundert schroffe Höhenmeter hinunter nach Casaccia.

Das Bergell, das von der Landesgrenze zu Italien in zwei Teile zerschnitten wird, birgt eine Reihe intakter Dörfer in rauh-idyllischer Landschaft. Reich ist seine Geschichte, märchenhaft ist sie nicht. Gerne erzählt man auf Schweizerseite von der Reformation, die um 1550 von Süden her Einzug gehalten hat. Weniger stolz vom Hexenwahn, von den Hexenprozessen im Rats- und Gerichtshaus zu Vicosoprano, die allein zwischen 1654 und 1669 zwanzig Köpfe gefordert haben.

Pendler von Süd nach Nord

Berühmte Künstler liegen im Bergell begraben, die Giacometti, Varlin, von denen das Talmuseum in Stampa einige Werke besitzt. Aber die touristische Bedeutung des Tals ist dadurch kaum gestiegen. Es liegt zu weit weg vom Schuss. Zwar kommen im Sommer und Herbst Wanderer und Bergsteiger - vor allem nach Soglio. Im Winter aber bleiben die Touristen aus, so wie die Sonnenstrahlen, die dann den Talboden über die Gebirgsflanken hinweg kaum mehr erreichen.

Die gut ausgebaute Strasse lässt Vicosoprano, Borgonovo, Promontogno und auch Bondo links liegen und sorgt für ungehinderten Fahrkomfort. Zum Verweilen animiert sie nicht. Im schweizerischen Bergell herrscht Durchzug. Täglich fahren 1000 Pendlerinnen und Pendler von Süden her hinein, die meisten bei Maloja wieder hinaus. Arbeit finden sie vor allem im Engadin. Einige bleiben im Tal hängen: im Gastgewerbe, in der Hotellerie, im Steinbruch von Promontogno oder in den Bergeller Kraftwerken, wo die Elektrizitätswerke Zürich seit den 1960-er Jahren Strom produzieren lassen. Aber auch diese Arbeitsplätze konnten die zunehmende Abwanderung der letzten Jahrzehnte nicht aufhalten. 1960 lebten 1800 Menschen auf Schweizerseite, heute sind es noch 1300.

Amtssprache Italienisch

Das Bergell zieht sich über 32 Kilometer von Maloja gegen Südwesten nach Chiavenna und fällt 1500 Meter ab. Oben herrscht hochalpines Klima, unten wachsen Palmen, Kastanien und Rhododendren. Ein Schock der angenehmen Art. Einhalt gebietet den Reisenden die Grenze bei Castasegna: die Landesgrenze, nicht die Sprachgrenze. Seit der Reformation ist Italienisch auch im schweizerischen Teil des Tals Kirchen-, Schul- und Amtssprache. Auch wenn man Gäste mit Wanderschuhen selbstverständlich mit "Grüezi" willkommen heisst (der Gruss ist hier Alltag, denn der Durchzug hat immer auch Deutschweizer ins Tal geweht), spricht man in den Beizen, auf der Post oder beim Einkaufen in der Regel il dialetto bregagliotto, den Dialekt, den der Postautochauffeur so gut versteht wie italienisch. Vielleicht sogar noch besser. Denn dessen mit vielen Umlauten gespickte Musik erinnert ihn stark an seine Muttersprache. "L'invern l'era passaa e s'lingeva vers la prümaveira. Dapartüt as troväva segn da vita növa. L'aria l'era pü claira, pü calda e plena da prufüm", schreibt Walter Pool, Alt-Lehrer aus Vicosoprano, in einer Hymne ans Frühlingserwachen.

Das Romanische und das Lombardische - von beiden Sprachen zehre das Bargaiot, sagt Gian Andrea Walther, der sich als langjähriger Präsident der Società culturale Bregaglia auch für die Sprachpflege im Tal einsetzt. Walther ist Bergeller mit Haut und Haar. Er ist hier aufgewachsen, seit dreissig Jahren unterrichtet er an der Sekundarschule in Stampa Schülerinnen und Schüler aus dem ganzen Bergell. Angst vor dem Durchzug hat er nicht. Im Gegenteil: Wo starker Wind bläst, wird das Alte, Verkalkte hinweggefegt, etwa die Schweizerische Volkspartei, die im Bergell ihre politische Dominanz an die Unabhängige Liste (LIB) verloren hat. Der Umsturz fand an den regionalen Wahlen 1997 statt und hat bis heute angehalten.

Vollbärtig sitzt Walther in der Pension Sciora in Promontogno, und in seinen Augen blitzt der Schalk, als er diese Geschichte erzählt. Und die Sprache? Findet auch da ein Umsturz statt? Der Schalk zieht sich ein wenig zurück, macht Platz für eine Spur Unsicherheit. Er wisse zwar nicht, wie lange noch, aber "jetzt ist der Dialekt noch stark". Er besitze nach wie vor einen lebendigen "zoccolo duro", einen stabilen Sockel. So wie die Berge ringsum bestehen auch die Grundfeste der einheimischen Sprache aus Granit.

Im Dialog mit der modernen Welt

Klar: Wie in den Bergen sind in der Sprachlandschaft Erosion und Ablagerungen ganz normale Erscheinungen. Der Durchzug wirbelt auch die Sprachen durcheinander. Von Norden her drückt das Schweizerdeutsche ins Tal, von Süden her das Fernsehitalienisch. Aber Angst vor Identitätsverlust hat Walther keine. "Wir leben im Austausch mit der modernen Welt, sind ein Teil davon", meint er - nun wieder gelassen. Und er erinnert an die Zuckerbäcker, die seit dem 17. Jahrhundert auszogen, um in Venedig und anderswo ihr Glück zu machen. Reich kamen sie zurück, davon zeugen noch heute prunkvolle Palazzi im Tal. Am auffälligsten das "maurische" Schloss des Zuckerbäckerbarons Giovanni Castelmur (1800-1871), das nahe an der Strasse zwischen Stampa und Promontogno liegt.

Die Zuckerbäcker zogen mangels Erwerbsmöglichkeiten aus. Und diese sind noch heute dünn gesät. Obwohl Bestrebungen im Gang sind, die Situation zu verbessern, finden die Jungen ihren Ausbildungplatz im Engadin oder auf dem Weg nach Chur und Zürich. So wie Gian Andrea Walthers Sohn Filippo, der in Thusis eine Zusatzlehre als Landwirtschaftsmaschinen-Mechaniker absolviert. Am Wochenende kommt er nach Hause und bringt einen schweizerdeutschen Wortschatz mit, für den sein Tal keine dialektale Übersetzung kennt. Ein Vergaser bleibt auch im Bergell ein Vergaser und fliesst reibungslos in sein Bargaiot ein. Dafür kennt Filippo althergebrachte Wörter nicht mehr, die seinem Grossvater noch geläufig waren. Die Lebenswelt hat sich geändert und damit auch die Umgangssprache.

"Etwas von der Heimat"

An der Ganztagesschule in Stampa, wo sein Vater Lehrer ist, hat Filippo die letzten Schuljahre verbracht. Das Schulhaus steht etwas erhöht abseits des Dorfes. Von der Strasse aus ist die zweiteilige Anlage auf der anderen Seite des Talflusses, der Maira, gut zu sehen. Ein Strässchen führt hinauf. Das ältere Gebäude mit den Schulräumen hat der Architekt Bruno Giacometti, ein Bruder Alberto Giacomettis, konzipiert. Den kürzlich eröffneten lichten Neubautrakt mit Wänden aus Kastanienholz und in Glas eingelagertem graublauem Flussgestein haben die "Lazzarini Architekten" aus Samedan entworfen. Köbi Hubers Stolz ist die Kantine, wo die Sonnenstrahlen fantastische Lichtspiele auf die Esstische werfen. Der gebürtige Appenzeller ­ die Schüler nennen ihn einfach Köbi - ist Abwart und Koch. Über das Oberengadin hat es ihn vor siebzehn Jahren ins Bergell verschlagen. Längst spricht er neben schweizerdeutsch und romanisch auch fliessend Bargaiot und italienisch. So ist er gewappnet für alle hier möglichen sprachlichen Herausforderungen.

In den Klassen herrscht zu Beginn der Lektion stachelige Fröhlichkeit. Sprüche fliegen durch die Luft, für Fremde unverständliche Wortfetzen. Rasch jedoch kehrt neugierige Ruhe ein. "Wie sprechen wir miteinander? Deutsch oder nehmt ihr mein gebrochenes Italienisch in Kauf?" Welche Frage! 20:0 für das Gebrochene. Später zeigt sich beim Theaterspiel, dass einige Schülerinnen und Schüler über ausgezeichnete Deutschkenntnisse verfügen. Kein Wunder, Deutsch ist an der Schule erste Fremdsprache. Aber eben: Selbst wenn man in der Pause mit der grössten Selbstverständlichkeit zwischen Bargaiot, Italienisch, Schweizerdeutsch und sogar Romanisch hin- und herswitcht, ist der Dialekt für die grosse Mehrheit halt doch die schönste Sprache. "Una bella lingua" sei das Bargaiot, "die Sprache unserer Grosseltern", "etwas von der Heimat", "ein Zeichen des Tals".

Weggehen hat Tradition

Nur einige Schüler protestieren: Der Dialekt binde sie zu eng ans Bergell. Sie sprechen deshalb am liebsten italienisch. Und dann tauchen Zukunftsträume auf. Sie führen weit weg, zum "Lottogewinn, zum grossen Geld" oder nach Kanada, Australien, nach Monte Carlo. Viele möchten weggehen, alle sind aus beruflichen Gründen dazu gezwungen. Das Weggehen hat Tradition. "Der Geist der Zuckerbäcker ist im Tal geblieben", sagt Walther. Der Wunsch zurückzukehren, auch wenn es nur am Wochenende ist, scheint aber in den Köpfen ebenso fest verankert zu sein. Auch das hat Tradition. 60 Jugendliche besuchen zurzeit die Sekundar- und Realschule in Stampa. In sieben Jahren werden es noch 30 sein. Wie andere Bergtäler verliert auch das Bergell seine Jugend. Von Resignation oder gar Zukunftsangst aber keine Spur: Der "zoccolo duro" hält sich im Tal, auch was das alltägliche Leben betrifft. Davon ist Gian Andrea Walther überzeugt.




Mirko Baselgia, Bildender Künstler
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