"SWISS POP ART" IM AARGAUER KUNSTHAUS

Auf den Alltag fokussiert
Von Karl Wüst, sfd

Das Aargauer Kunsthaus in Aarau gibt einen umfassenden Überblick über die Pop Art in der Schweiz von 1962 bis 1972. Die Ausstellung "Swiss Pop Art" dauert vom 7. Mai bis 1. Oktober.

Wer an Pop Art denkt, denkt vielleicht zuerst an die Amerikaner Andy Warhol und Roy Lichtenstein oder den Engländer Richard Hamilton. Die Ausstellung im Aargauer Kunsthaus zeigt, dass die Kunstströmung mit ihren "Formen und Tendenzen" auch in der Schweiz Spuren hinterlassen hat. Über einen Leisten schlagen lässt sie sich nicht. So prägnant der Begriff, so vielfältig ist die Ausgestaltung.

270 Werke von 51 Künstlerinnen und Künstlern aus allen Landesteilen haben die Kuratorinnen Madeleine Schuppli und Katrin Weilenmann ausgewählt, wobei längst nicht alles reine Pop Art ist, wie sie am Donnerstag an der Medienkonferenz betonten. Entstanden sind die Werke in den Jahren von 1962 bis 1972. Gemeinsam ist ihnen auch, dass sie auf den Alltag fokussieren, wobei die Art, wie sie diesen Alltag transformieren, unterschiedlich ist.

Konsum und Werbung

"Swiss Pop Art" vereint Gemälde, Grafiken, Skulpturen, Collagen, Fotografien und Objekte. Den Anfang machen Plakate, die für Konsumgüter wie Schuhe oder Mineralwasser werben. Damit schlagen Schuppli und Weilenmann mit einer Klappe zwei Fliegen, gehören Werbung und Konsum doch zu den zentralen Themen der Zeit. So auch in der Kunst.

Immer wieder zeigt sich beim Gang durch die bunte Ausstellung, wie unverkrampft das Verhältnis der Künstler zur Werbewirtschaft war. "Lahco", das von Markus Müller gemalte Bild einer Badehose, trägt den Firmennamen im Titel. Was heute als Schleichwerbung kritisiert würde, erregte damals die Gemüter nicht. Auch dann nicht, wenn Hugo Schuhmacher Brüste mit Mercedes-Sternen krönte.

Der Fetisch Auto spielte in der Zeit der Pop Art aber auch eine wichtige Rolle als Symbol für Freiheit, Mobilität, Technik und Lebensfreude. Markus Müller widmete sich diesem Symbol ("Bolide", 1968), auch Marc Egger ("Carscape", 1963) oder Fernando Bordoni ("Linea Curva 2", 1970).

Gertschs "Popmenschen"

Mit Pop kommt auch die Musik ins Spiel, die Rolling Stones zum Beispiel, die 1967 mit ihrem legendären Konzert im Zürcher Hallenstadion für Furore sorgten. Franz Gertsch setzte der Band in seinem stilisierten Gemälde "Alle fünf Rolling Stones" (1968) ein grellfarbiges Denkmal.

Etliche Künstlerinnen und Künstler thematisierten auch die Umgestaltung der Landschaft oder die Stadt als Lebensraum. So etwa die Neuenburgerin Emilienne Farny ("Rue de Paris", 1965) oder der Aargauer Max Matter ("Überbauung I", 1969).

Matter gehört zu den Künstlern, deren Werke sich ganz direkt auf die Schweiz beziehen. Andere geben hier noch einen drauf, indem sie mit satirischem Unterton schweizerische Klischees auf die Leinwand bringen: Alphornbläser, Kühe, Gerberkäse, Chalets oder das Schloss Chillon. Zu ihnen, die eine folkloristische Spielart der Pop Art pflegen, zählen Samuel Buri oder Barbara Davatz.

Gegen Krieg und Rassismus

Eng verbunden mit der Konsumwelt sind die Gemälde des Berners Peter Stämpfli. Sein "Pudding", seine "Tomate" (beide 1964) stehen für Pop Art, wie sie im Büchlein steht. Ebenso sein Gemälde "Glacière" (1963). Ein anderer Kühlschrank, einer in Natura, stammt von Jean Tinguely. Wie Daniel Spoerri, Niki de Saint-Phalle, Urs Lüthi oder Markus Raetz ist er in der Ausstellung mit dabei, weil er sich - dies die Schnittmenge zur Pop Art - zentral mit dem Alltag befasst.

Zu den politisch engagierten Höhepunkten der Ausstellung zählen die Collagen von Rosina Kuhn, die gegen den Vietnamkrieg Stellung beziehen ("Immer Krieg", 1968), ebenso wie Hugo Schuhmachers provokatives Gemälde "Freiheit" (1971). Es zeigt eine schwarze Frau, die mit einer Schweizer Fahne geknebelt wird.

Mit der Ölkrise 1973 und der einsetzenden Depression fand die Pop Art ein jähes Ende. Es gab Künstler, die damit in Vergessenheit gerieten, andere erlangten grosse Bekanntheit, meist aber mit Arbeiten, in denen sie die eindeutige Pop-Sprache bereits hinter sich gelassen hatten.

Die Ausstellung "Swiss Pop Art" dauert vom 7. Mai bis 1. Oktober. Erschienen ist eine Publikation. Veranstaltungsprogramm unter www.aargauerkunsthaus.ch. "Caravan", die Reihe für junge Kunst, zeigt vom 7. Mai bis 6. August neue Bilder von Kevin Aeschbacher. Am 18. Mai diskutiert Aeschbacher mit dem Künstler Thomas Müllenbach.
(4.5.2017 © sda/sfd)



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