"THE SHOW MUST GO WRONG" AM HECHTPLATZ-THEATER

Mischung aus Monty Python, Mr Bean und Buster Keaton
Von Bruno Rauch, sfd
Die Shake Company unter der Regie von Dominik Flaschka mordet in "The Show Must Go Wrong" flott drauf los. Und das Publikum im Zürcher Theater am Hechtplatz lacht sich tot. Schweizer Erstaufführung war am Samstag.

Von wegen feinem britischen Humor: Hier wird zugelangt, dass sich die Balken biegen, die Fetzen fliegen und kein Auge trocken bleibt. Es beginnt schon im Foyer: Da wird herumgebrüllt. Einer sucht lauthals nach einem Hund, der offenbar mitspielen soll. Als das Publikum die Plätze einnimmt, wird auf der Bühne noch emsig gewerkelt und gestresst.

Das gibt uns vorab Zeit für ein paar zusätzliche Gedanken, denn später wird unsere Energie hauptsächlich vom Zwerchfell absorbiert sein.

Theatrale Tradition

Es ist eine bewährte Theatertradition, dass das Theater sich selbst auf die Schippe nimmt. Und wenn sich gar Laientruppen ans heilige Metier der Schauspielerei wagen, wird das todsicher zum Heidenspass. Fürs Publikum natürlich. Man kennt das aus der Rüpel-Szene im "Sommernachtstraum" oder jenem Knüller aus dem späten 19. Jahrhundert, "Der Raub der Sabinerinnen".

Das jetzt im Hechtplatztheater gespielte "well made play" stammt aus der Feder von Jonathan Sayer sowie den beiden Henrys Lewis und Shields, ihres Zeichens Schauspieler, Mitbegründer und Leiter des Mischief Theatre. Dort, im Londoner West-End, landeten sie mit der boulvardesken Kriminalkomödie "The Play That Goes Wrong" 2012 eine Bühnenhavarie höheren Blödsinns, der bis heute gespielt wird und mit diversen Preisen - sorry: Awards ausgezeichnet wurde.

In Deutschland lief das Stück, eine fulminante Mischung aus Monty Python, Mr Bean und Buster Keaton unter dem Titel "Mord auf Schloss Haversham". Nun hat Dominik Flaschka die Produktion als Schweizer Erstaufführung in praktisch identischem Dekor, gleichen Kostümen und szenisch vorgegebenen Gags und Tricks als gutes Theaterhandwerk auf die winzige Bühne des Hechtplatztheaters gequetscht.

Präzises Chaos
Die grössenwahnsinnige Laientruppe fiebert in den Startlöchern. Doch zuvor entschuldigt sich der Regisseur, der später als Holmesscher Inspektor den Mord (fast) aufklären wird, dass für Proben kaum Zeit blieb. Dass die Kleider von Texaid stammen und die Kulissen von der Pfadigruppe Niederhasli gezimmert wurden.

Das Bühnenbild - ein britisches Intérieur à la Agathe Christie mit Chimneypiece, Standuhr, Barometer, Buchregalen, Alkoven und Ledersofa - scheint soweit stabilisiert, das mans wagen darf. Kann also nur noch schiefgehen. Und wie es schiefgeht!

Kein Scheinwerferkegel da, wo er sein soll. Requisiten, dasselbe. Eingespielte Sounds, dito. Die Türe klemmt und öffnet sich zur Unzeit. Der Aufzug qualmt, die Leiche regt sich. Der Kuckuck aus der Uhr sucht das Weite. Der Whiskey kommt aus der Brennspritflasche. Das Kaminsims poltert herab und das Wappenschild über der Tür fällt runter und erschlägt jeden Eintretenden.

An dieser Stelle muss den findigen Bühnenbauern ein Lob zuteil werden. Was diese Kulissen leisten, grenzt an Hexerei. Aufstand der Dinge. Alles zur falschen Zeit, aber das mit Präzision!

Unerschrocken stehen, stürzen, fechten und hecheln die acht hochprofessionellen Schauspieler in der Brandung der Unbill. Souverän überspielen sie Stichworte, die zu früh oder gar nicht kommen.

Irrer Spielwitz

Mit umwerfendem Tempo, totalem Körpereinsatz und irrem Spielwitz werfen sie sich ins Zeug, und sollten sie sich auch in einer textlichen Endlosschlaufe wie beim Kratzer auf einer alten Schelllackplatte verheddern. Selbst die Inspizientin übernimmt mit viel Hingabe und wenig Talent die Rolle der Hauptdarstellerin, weil diese zwischenzeitlich von einem Kulissenteil ausser Gefecht gesetzt wurde.

Die Story hat man längst aus den Augen verloren. Oder sieht sie vor lauter Lachtränen nicht mehr klar. Ohne zu viel zu verraten: Der Gärtner ist NICHT der Mörder. Verraten sei indessen dies: Ein knalliger, schräger, unterhaltsamer Abend mit einer beträchtlichen Verschleissquote an Slapsticks. Und Schenkelklopfen!
(7.5.2017 © sda/sfd)



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