THEATER NEUMARKT:"BIEDERMANN UND DIE BRANDSTIFTER"

Happyness und Discosound
Von Karl Wüst, sfd

Das Theater Neumarkt in Zürich taucht Max Frischs "Biedermann und die Brandstifter" in Happyness und Discosound. Keine Provokation, eher eine gelungene Anbiederung an die Unterhaltungslust. Premiere war am Samstag.

Wer, bitte, ist jemand, der weisse Birkenstöcke, ein buntes Freizeithemd und Bluejeans trägt (Kostüme: Heike M. Goetze), den Tages-Anzeiger liest und über andere Leute herzieht? Genau, ein Biedermann. Und wer sind die zwei, die sich mit Benzinfässern auf Biedermanns Dachboden einnisten mit der erklärten Absicht, dieses Haus abzubrennen? Brandstifter? Mitnichten, das sind "Mmpff".

Das Wort Brandstifter kommt über keine Lippen, nie. Es wäre eine existenzielle Bedrohung, also verdrängt man es, nennt die "Mmpff" gar Freunde, lädt sie zum Abendessen ein, misst mit ihnen die Zündschnur aus, gibt ihnen sogar die Streichhölzer. Die Hilfe geht noch weiter: In der einzigen nachdenklichen Szene des 80-minütigen Abends zündet Simon Brusis als bemitleidenswerter Biedermann das Streichholz gleich selber an, mutiert zum „Mmpff“ seiner selbst.

Parodistisches Discostück

Die Regisseurin Heike M. Goetze hat sich Frischs 1958 im Zürcher Schauspielhaus uraufgeführtes "Lehrstück ohne Lehre" vorgenommen. Einen Klassiker - und macht daraus ein parodistisches Discostück der Sonderklasse. Auf die Schippe nimmt sie dabei alles: das Stück, zusammen mit dem wunderbar flexiblen Ensemble ihre eigene Inszenierung, aber auch die Teile des Publikums, die auf die Anbiederungen von Seiten der Bühne (Bier, Brötchen, Tanzparty) ausgelassen und dankbar reagieren.

Goetzes eigentlicher Geniestreich aber ist die Idee, Biedermann, die Brandstifter, Biedermanns Frau Babette und das Dienstmädchen Anna in je dreifacher Ausführung auftreten zu lassen. André Benndorff, Simon Brusis und Miro Maurer spielen bisweilen synchron, bisweilen getrennt, immer wieder die Rollen wechselnd, den Biedermann und/oder die Brandstifter. Den gleichen Mischmasch bei den Frauenrollen spielen Marie Bonnet, Hanna Eichel und Melanie Lüninghöner.

Wer wer ist, bleibt in der Schwebe. Klare Identitäten gibts nicht. Biedermänner sind Brandstifter und umgekehrt. Am Schluss weiss selbst das Publikum nicht mehr so genau, in welche Fraktion es gehört. Angebiedert ist es und bereit, Feuer zu legen, und sei es auch nur das Feuer, das Tanz und Discosound entfacht.

Weit mehr als Party

Goetzes Inszenierung ist aber weit mehr als eine Party. Sie lotet Frischs Stück nach allen Seiten aus und wird ihm trotz quirliger, bunter, soundiger und bisweilen arg überdrehter Theatersprache gerecht. Insbesondere die Hauptfigur zeichnet sie dank der Verdreifachung äusserst differenziert.

Biedermann gibt sich mit trendigem Englisch weltgewandt, ist wenig später biederer Zürcher, als er in den Dialekt fällt. Er merkt, dass sein Haus in Gefahr ist, will die Brandstifter grossmäulig rauswerfen. Gleichzeitig bewegt er sich wie unter Strom, tut so, als ob das alles nur ein schlechter Witz wäre, und parallel dazu sitzt er auf einem Stuhl, die Angst in Person, ein Häufchen Elend. Drei Schauspieler, eine Figur. Grossartig.

Mit zur Unterhaltung trägt die farbig gestaltete Bühne bei (Heike M. Goetze/Jo Schramm). Köstlich sind die akrobatischen Tanz- und turnerischen Einlagen des Ensembles, die Schlager mit den bösen Texten (Musik: Fabian Kalker) und schliesslich das Puppenspiel mit Kasper und Polizist. Dass der Polizist in die Rolle eines Brandstifters schlüpft, passt zur Absicht der Regisseurin, die Grenze zwischen Gut und Böse, Recht und Unrecht aufzuheben.
(26.11.2017 © sda/sfd)



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