THEATER RIGIBLICK INSZENIERT MÁRQUEZ

Anschaulich und ironisch verspielt
Von Frank von Niederhäusern, sfd

In seiner neuen Multimedia-Collage bringt das Theater Rigiblick eine Erzählung von Gabriel García Márquez auf die Bühne. Die Premiere am Mittwoch machte auch stutzig.

Reine Wortstücke findet man selten auf den bunten Programmen des Theaters Rigiblick in Zürich. Das in fast schon voralpiner Höhenluft angesiedelte Haus zelebriert den weiten Horizont auch medial und stilistisch. Als neueste Produktion soll auch "Die Geschichte einer Heiligen" Ohren, Augen und Seele ansprechen.

Diesen multiplen Ansatz hat der kolumbianische Literaturnobelpreisträger Gabriel García Márquez (1927–2014) gleichsam vorgespurt. Seine Erzählung "Die Heilige" von 1981 findet sich im Band "12 Geschichten aus der Fremde", die von Exilanten aus Südamerika in aller Welt berichtet. Hier geht es um Margarito Duarte, der im sinnenfroh pulsierenden Rom der 1950er-Jahre seine Tochter heiligsprechen lassen will.

Wundersame Kindsleiche

Duarte setzt alle Hebel der vatikanischen (und römischen) Beamten-Maschinerie in Bewegung. Dabei lernt er die Stadt, deren Menschen und Zauber kennen. Nach Jahren wird er selbst zum Römer. Seine Tochter, die mit sieben starb, aber unversehrt und gewichtslos in ihrem Sarg liegt, bleibt eine zwar wundersame, aber profane Leiche.

Die magische Posie, die wechselvolle Nostalgie und zugleich rührende Komik dieser Geschichte bringt Theaterleiter und Hauptdarsteller Daniel Rohr mit seinem eingespielten Team als bunt verspieltes Capriccio dar.

Regisseur Peter Schweiger inszeniert den Text in gewohnt anschaulicher, ironisch verspielter Art. Rohr agiert als Ich-Erzähler, der sich auch mal als Márquez selbst zu erkennen gibt. Als Vorleser, aber auch als Freund Margarito Duartes in der Erzählung.

Mangelnde Verschmelzung

Rohr bewegt sich in simpel ausstaffiertem Bühnenbild (Elke Thomann) mit episodenhaften Stationen. In der Mitte sitzt ein kleines Salonorchester, das das Geschehen klangvoll untermalt. Pianistin Eriko Kagawa und das Galatea Streich-Quartett, bekannt von früheren Produktionen wie "Dark Side Of The Moon", spielt Stücke von Astor Piazzolla. Durchsetzt sind sie mit Vivaldi-Sprenkeln und anderen Kurzzitaten (Arrangements: Daniel Fueter).

Als optische Illustrationen werden Zeichnungen von Fredi M. Murer und Matthias Gnehm projiziert: witzig, atmosphärisch, kunstvoll im simpel-träfen Strich. Just dieses im Theater noch immer ungewohnte Element bleibt aber oft isoliert, zumal es von Rohr bereits Erzähltes zeichnerisch verdoppelt. Hier würde man sich eine mutigere und mithin organischere Verschmelzung wünschen.

Multiple Sinnlichkeit

Auch die musikalische Ebene wirft eine simple Frage auf: Wie kommt der Tango Nuevo des Argentiniers Piazzolla ins Rom der 50er-Jahre? Zumal Exilant Duarte aus dem kolumbianischen Hochland stammt und nicht aus Buenos Aires. Und wieso mischt sich immer wieder der venezianische Barock-Meister Antonio Vivaldi ein?

So stutzig diese Kombination der Elemente macht, so bravourös werden sie auf allen Ebenen dargeboten. Und die multiple Sinnlichkeit, mit der die wunderbare Márquez-Geschichte in Szene gesetzt wird, lässt den Abend als ganzes nostaglisch nachklingen.
(11.5.2017 © sda/sfd)



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