"UNTER DER TESSINER SONNE"

"Ein Führer zu besonderen Grabstätten"
Von Barbara Hofmann, sfd

Im Tessin, wo über 90 Prozent der Bewohner katholischen Glaubens sind, hat sich im 19. und 20. Jahrhundert eine besondere Friedhofskultur entwickelt. Das Buch "Unter der Tessiner Sonne - Ein Führer zu besonderen Grabstätten" erzählt davon.

Friedhofsspaziergänge laden ein innezuhalten, die Skulpturen zu betrachten oder sich auf eine Bank zu setzen und in der friedlichen Umgebung auszuruhen. Am 1. November, zu Allerheiligen, werden die Gräber über und über mit Blumen geschmückt, und "Seelenlichter" erhellen zur Nacht die stillen Orte.

Wer bei einem solchen Spaziergang durch die teilweise atemberaubend gelegenen Friedhöfe ein Stück Tessiner und europäische Zeitgeschichte erfahren möchte, dem sei der Reiseführer "Unter der Tessiner Sonne - Ein Führer zu besonderen Grabstätten" empfohlen.

Prominente aus ganz Europa

Seit im 19. Jahrhundert die Engländer das Tessin und die oberitalienischen Seen als Reiseziel entdeckten und in Bildern und Erzählungen als paradiesischen Ort rühmten, folgten ihnen Prominente aus ganz Europa und der Schweiz.

Es waren vorab Kulturschaffende - manche kamen freiwillig, andere als Migranten, die dachten, die italienische Schweiz wäre nur eine Durchgangsstation. Dann verfielen sie dem Zauber der Landschaft und des anderen Lebensstils- und blieben hier. Und hier wollten viele dieser Anarchisten, Reformer, Künstler, Schriftsteller, Industriellen oder Wissenschaftler auch begraben sein.

Der Reiseführer ist mit fast zweihundert Grabstätten von besonderen Menschen eine reichhaltige Sammlung an Prominenz, die Autor und Verleger Niklaus Starck zusammengetragen hat. Er sortierte nach Orten, und die alphabetische Systematik und die angehängten Friedhofspläne lassen einen die letzten Ruhestätten leicht aufspüren.

Frisch, Andersch und Highsmith

Von Alfred Anderschs und Max Frischs Grab in Berzona oder Erich Fromms Naturgrabstätte im Lago Maggiore weiss man. Und dass die grosse Krimi-Autorin Patricia Highsmith ebenfalls im Tessin lebte und in ihrem Heimatdorf Tegna begraben wurde, ebenfalls.

Doch in der grossen Sammlung des Autors Starck findet man auch viele Unbekannte oder vergessene Persönlichkeiten. Wer erinnert sich noch an Hans Trommer, der als künstlerischer Leiter des Filmklassikers "Romeo und Julia auf dem Dorfe" verantwortlich zeichnete? Er ruht jetzt in Brione sopra Minusio unter einer schlichten Granitplatte.

Die Dichterin und Tänzerin Jo Mihaly wurde zweimal beerdigt. Zuerst am Starnberger See und an Ostern 2011 auf ihren früh geäusserten Wunsch hin im Lago Maggiore.

Alle im Grabstättenführer aufgeführten Menschen werden mit einem Bild ihres Grabsteins und einer eine Seite umfassenden Biographie beschrieben. Wer in Naturgräbern bestattet wurde, erhielt ein Symbolbild. Der Autor erzählt ein Stück Tessin- und Zeitgeschichte und gibt den oft schon vergessenen Persönlichkeiten Würde und Bedeutung zurück.

Niklaus Starck: Unter der Tessiner Sonne - Ein Führer zu besonderen Grabstätten. Porzio Verlag 2013.
(30.10.2017 © sda/sfd)



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